Kommentar Kässmanns Alkoholfahrt : Nicht der Einzelne entscheidet
Obwohl Käßmann eine Person des öffentlichen Lebens ist, haben nicht Einzelne zu entscheiden, ob Details aus ihrem Privatleben der Presse zugespielt werden.
N iemand würde bestreiten, dass Margot Käßmann eine Grenze überschritten hat. Sie hat ihr und das Leben anderer aufs Spiel gesetzt, indem sie angetrunken durch die Innenstadt Hannovers geheizt ist. Außerdem war sie als Landesbischöfin, EKD-Ratsvorsitzende und Mutter ein Vorbild für die, die zu ihr aufschauten. Dieses Bild ist durch die nächtliche Alkoholfahrt angekratzt.
Für Hysterie aber gibt es keinen Anlass, denn wirklich passiert ist - Gott sei dank? - nichts. Erstaunlich aber ist, wie schnell die Boulevardpresse von dem Vorfall Wind bekommen hat. Gerade mal zwei Tage waren vergangen, da wusste Bild zu berichten, wie es bei der Polizeikontrolle in Käßmanns Auto gerochen und welchen Atemalkoholwert die Bischöfin hatte. Der Verdacht liegt nahe, dass hier Beamte geplaudert haben. Damit überschritten sie, genau wie Käßmann es tat, eine Grenze.
Obwohl Käßmann eine Person des öffentlichen Lebens ist, haben nicht Einzelne zu entscheiden, ob Details aus ihrem Privatleben der Presse zugespielt werden. Denn Prominente sind nicht besser oder schlechter als andere Verkehrssünder. Allein offizielle Sprecher der Polizei sollten abwägen, wann öffentliches Informationsbedürfnis befriedigt werden muss.
Nur weil eine Landesbischöfin ihre Grenze überschreitet, darf dies nicht dazu verführen, aus Sensationsgier selber zu weit zu gehen.
Nach dem Erfolg der AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt bangen viele Menschen um die Zukunft, es droht die erste AfD-Regierung. Das wäre eine (weitere) Zäsur für Deutschland. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
meistkommentiert