Kommentar Italiens Protestallianz

Die Farbe lila

Lila Fahnen werden kaum reichen, um die angestrebte "Revolution der Normalität" gegen den einigermaßen anormalen Berlusconi auf Dauer zu stellen.

Wie immer, wenn Silvio Berlusconi regiert, füllten sich am Montag die Straßen in Rom mit Hunderttausenden von Protestlern. So war es 2002, als die von Filmregisseur Nanni Moretti angeführte Bewegung der "Girotondi" Millionen mobilisierten. Und so ist es auch jetzt wieder: erst die Megaproteste gegen Berlusconis Schulreform im Herbst 2008, dann zur Verteidigung der Pressefreiheit am 3. Oktober. Nun traf man sich zum "No B. Day".

Neu ist, dass sich der Protest diesmal allein über das Internet zusammenfand. Er erinnerte ein wenig an den von dem Komiker Beppe Grillo ausgerufenen "Vaffa-Day", den "Leckt-uns-am-Arsch-Tag", gegen die politische Klasse Italiens vor zwei Jahren. Auch damals lief die Mobilisierung übers Web, doch sie hatte noch ein Gesicht, einen Helden, einen Anführer. Diesmal aber kam die vielbeschworene Zivilgesellschaft ganz ohne Leader oder zentrale Organisation aus.

Die "No B. Day"-Gruppen aus dem Piemont, aus Apulien oder aus Sizilien brauchten für ihren Protest keine Partei mehr. Nicht weil sie von einem Antiparteienreflex geleitet wären, sondern weil sich die Oppositionsparteien immer wieder als nutzlos, weil völlig selbstreferentiell erwiesen haben. Die Wahl der neuen, "unverbrauchten und politisch unbesetzten No B. DayProtestfarbe lila", so die Veranstalter, symbolisiert diesen Bruch.

Das neue Selbstbewusstsein ist die große Stärke dieser Protestbewegung - zugleich aber auch ihre Achillesferse. Von ihrem eigenen Erfolg völlig überrollt, stehen die namenlosen Organisatoren ein bisschen ratlos vor der Frage, wie es weitergehen soll. "Hängt alle eine lila Fahne aus dem Fenster!", forderte einer der Sprecher am Samstag. Doch das allein wird kaum reichen, um die angestrebte "Revolution der Normalität" gegen den einigermaßen anormalen Berlusconi auf Dauer zu stellen.

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Promovierter Politologe, 1985-1995 Wissenschaftlicher Mitarbeiter an den Unis Duisburg und Essen, seit 1996 als Journalist in Rom, seit 2000 taz-Korrespondent, daneben tätig für deutsche Rundfunkanstalten, das italienische Wochenmagazin „Internazionale“ und als Wissenschaftlicher Mitarbeiter für das Büro Rom der Friedrich-Ebert-Stiftung.

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