Kommentar Fall Amstetten: Zwischen Mitgefühl und Voyeurismus

Wirklichkeit muss auch dann beschrieben werden, wenn sie schrecklich ist. Das Interesse an einem Verhalten, das so stark von der Norm abweicht, muss nicht nur von Moral getrieben sein, um legitim zu bleiben.

Jeder weiß, dass es so etwas wie den Fall Amstetten nicht geben dürfte. Männer, die ihre Töchter über Jahrzehnte hinweg einsperren, vergewaltigen und mit ihnen Kinder zeugen, die sie wiederum einsperren - das ist so fern von dem, was gemeinhin unter Menschlichkeit verstanden wird, dass es eigentlich gar nicht sein können dürfte. Deshalb interessieren wir uns für das Schicksal der niederösterreichischen Familie F. - wir wollen verstehen, was eigentlich nicht zu verstehen ist. Wir wollen uns nicht zuletzt auch unserer eigenen Werte und unseres eigenen Normalseins versichern.

Jeder weiß aber auch, dass es solche Fälle immer geben wird, als jeweils singuläre Ereignisse. Die albernen Fragen danach, warum die Nachbarn oder die Schule nichts bemerkt hätten, verbunden mit (sich selbst) anklagenden Abhandlungen über die Kälte der modernen Gesellschaft - alles Quatsch. Nach Natascha Kampusch jetzt Amstetten - warum machen alle Österreicher so was? Diese Frage stellt sich nicht.

Wissend also, dass aus dem Fall gesellschaftlich nichts zu lernen ist, versuchen die Medien - wir Medien -, dem Interesse an ihm gerecht zu werden. Wir begeben uns damit auf vermintes Gelände. Echtes Mitgefühl und Voyeurismus verlangen zunächst nach den gleichen Quellen; was also bedienen wir? Wie können wir uns sicher sein, dass nicht derselbe Leser die Verbrechen des Josef F. und die Details aus dem Amstettener "Verlies des Grauens" (so die Wiener Kronenzeitung) studiert, der sich ansonsten an Pornos Marke "Gequält im Frauenknast" ergötzt?

Gar nicht. Aber Wirklichkeit muss auch dann beschrieben werden, wenn sie schrecklich ist. Das Interesse an einem Verhalten, das so stark von der Norm abweicht, muss nicht nur von Moral getrieben sein, um legitim zu bleiben.

Die Verantwortung der Medien liegt darin, wenigstens jetzt die Würde der Opfer zu wahren. Natascha Kampusch kämpft - recht erfolgreich - bis heute gegen die Medien um dieses Recht. Dass sie überhaupt kämpfen muss, ist beschämend. Denn der Grat zwischen legitimem Interesse und entwürdigender Belästigung mag schmal sein - zu verfehlen ist er eigentlich nicht. Wenn man denn will.

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Jahrgang 1965, Nicaragua-Aktivist in den 80ern, seit 1994 in der taz-Auslandsredaktion. Spezialgebiete USA, Lateinamerika, Menschenrechte. 2000 bis 2012 Mitglied im Vorstand der taz-Genossenschaft. Mitbegründer einer Fahrradwerkstatt für Geflüchtete (https://www.facebook.com/Garage10eV). Ist auf Facebook, befreundet sich aber mit niemandem, den er nicht persönlich kennt.

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