Kommentar Bahn: Koalition der Heuchler

Mit ihrer Schalterpauschale handelt die Bahn nach den Gesetzen des Marktes. Schuld daran ist die Politik, die sie zu einem normalen Unternehmen gemacht hat.

Die Bahn erhöht die Fahrpreise - wieder einmal. Zudem wird für alle Kunden, die beim Fahrkartenkauf mit einem Menschen kommunizieren möchten, eine Pauschale von 2,50 Euro eingeführt. Sonderlich originell ist das nicht. Fluglinien verlangen schon länger Extrageld bei persönlicher Beratung. Ein Grund zur Aufregung besteht dennoch. Schließlich sollen und wollen mit der Bahn so ziemlich alle fahren - und dazu zählen auch Senioren, sozial Schwache und andere Menschen, die sich aus unterschiedlichsten Gründen mit der Bedienung von moderner Technik schwertun.

Das Interesse von Bahnchef Mehdorn an solchen Kunden scheint jedoch eng begrenzt zu sein, zumal die neue Servicegebühr einen angenehmen Nebeneffekt zur Folge haben wird. Weil der Gang zum Schalter teurer wird, werden ihn die Kunden verstärkt meiden. Und so werden die Servicemitarbeiter an manchen Standorten bald überflüssig sein. Wozu sie also noch länger beschäftigen? Und schon lassen sich Personalkosten einsparen - der Markt hat es schließlich so gewollt.

Der Protest gegen diese Art "Abzocke" wird erfahrungsgemäß wirkungslos bleiben. Ein Grund mehr für Politiker aus allen Parteien, laut "Skandal" zu rufen, um beim Wahlvolk den Eindruck zu vermitteln, sie kümmerten sich um die Alltagssorgen ihrer Klientel. Gäbe es allerdings einen Preis für die größten Heuchler, er müsste zu gleichen Teilen an die Abgeordneten von Union, SPD und FDP verliehen werden, die sich nun erregen. Sie haben dafür gesorgt, dass die Bahn ein ganz normales Unternehmen und damit der Kontrolle der Volksvertreter entzogen wird. Wenn die Bahn demnächst wieder Bahnsteigkarten einführen sollte, ginge das die Parlamentarier genauso viel an wie eine Entwicklung vergoldeter Auspufftöpfe im neuesten Volkswagen - nämlich nichts. Die Bahn AG ist jetzt ein Unternehmen wie jedes andere, also handelt es auch so - nach den Gesetzen des Marktes. Die einzig wirkungsvolle Aktion wäre es deshalb, Bahnfahren künftig zu meiden, um so doch noch Druck auf die Bahn ausüben zu können. Den Preis zahlt die Umwelt. KLAUS HILLENBRAND

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Jahrgang 1957, ist Leiter von taz.eins, dem Ressort, das die Seite eins und die Schwerpunktseiten plant und produziert. Er ist seit den 1980er Jahren bei der taz und war u.a. Chef vom Dienst und Ressortleiter im Inland. Seine Themenschwerpunkte sind Zeitgeschichte und der Nahe Osten. Hillenbrand ist Autor mehrerer Bücher zur NS-Geschichte. Zuletzt erschien von ihm herausgegeben: "Das Amulett und das Mädchen", Hentrich & Hentrich 2019

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