Kommentar Afghanistan: Wer regiert am Hindukusch?

Afghanistans Präsident Karzai hat es nicht geschafft, sein Land erfolgreich zu führen. Die Situation ist nach wie vor schwierig, doch es gibt kaum Alternativen für das Amt.

Hamid Karzai ist nicht zu beneiden. Nach dem Sturz der Taliban wurde er 2001 von den USA aus dem Hut gezaubert und in einem nach Jahren des Talibanregimes hoffnungsfrohen Afghanistan zum Präsidenten gewählt. Die Provinzen – der Zentralregierung gegenüber traditionsgemäß misstrauisch – verhielten sich zu Beginn weitgehend wohlwollend. Sie hofften auf ökonomische Verbesserungen von Seiten der Kabuler Regierung. Doch diese sind ausgeblieben; stattdessen wimmelt es im Land von ausländischen Truppen, die sich wie die eigentlichen Herren aufspielen und de facto nur zu oft Herren über Leben und Tod sind.

Man beißt nicht in die Hand, die einen füttert, aber genau das muss Karzai jetzt tun, will er nicht jede Glaubwürdigkeit unter seinen Landsleuten verlieren: Da er für die Präsidentschaftswahlen im August erneut kandidieren möchte, ist Karzai gezwungen zu protestieren, wenn die westlichen Staaten im Kampf gegen al-Qaida auch über zivile Leichen zu gehen bereit sind, wie es die Order des Nato-Oberbefehlshabers John Craddock jetzt erneut gezeigt hat. Dabei kann sich Karzai selbst bei Wohlverhalten nicht mehr der unbedingten US-Unterstützung sicher sein. Präsident Obama hat zwar angekündigt, die Truppen in Afghanistan aufstocken zu wollen, jedoch ist das nicht zwangsläufig mit einer Unterstützung Karzais verbunden: Der Regierungschef gilt zunehmend als Teil des Problems und nicht als Teil der Lösung.

Zu Mitgefühl besteht dennoch wenig Anlass: Karzai hat es versäumt, sich eine Machtbasis in der Bevölkerung zu erarbeiten, die auf mehr beruhen würde als auf Vetternwirtschaft. Seine wechselhafte Politik gegenüber den Taliban, die in der Bevölkerung wachsende Sympathie genießen, hat er sich von der westlichen Gemeinschaft diktieren lassen. Vor allem aber hat er die Chance verpasst, Raum für eine demokratische Politik jenseits der alten Warlord-Seilschaften zu schaffen. Trotzdem könnte es sein, dass er Afghanistan als Präsident erhalten bleibt – aber nur deshalb, weil es derzeit kein anderes Kaninchen gibt, das man aus dem Hut zaubern könnte.

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