piwik no script img

Kommentar Achtjahresabitur Freiheit für die Studienräte

Kommentar von

Christian Füller

Befreiung aus dem Korsett der Paukschule: Die Kultusminister bremsen noch - aber die Reform des Gymnasiums mitsamt Achtjahresabitur wird kommen.

D ie Kultusminister machten es wie immer. Gewohnt gelassen palaverten sie über das, worüber sich alle anderen aufregen: das Achtjahresabitur. Die ganze Nation bebt wegen der armen Gymnasiasten, die im Turbogymnasium den gleichen Stoff wie ihre Altersgenossen nun in kürzerer Zeit durchpauken müssen. Doch die Kultusminister mauern: Was schert uns das Wehgeschrei von Reinhold Beckmann, diversen Ministerpräsidenten und der Kanzlerin? Wir haben die Kulturhoheit, als Institution sind wir älter das Grundgesetz!

Doch diesmal trügt der Schein. Denn genauer betrachtet, hat die Kultusministerkonferenz gerade die Reform des Gymnasiums eingeleitet. Die älteste deutsche Schulform wird sich verändern.

Zwar halten die Länder weiter daran fest, dass es 265 Wochenstunden bis zum Abi sein müssen, damit sie sich die Hochschulreife gegenseitig anerkennen. Unter dieser Festlegung aber bekommen die gymnasialen Studienräte alles Mögliche an Freiheiten. Die Kultusminister haben gestern praktisch die Lizenz zum neuen Lernen erteilt.

Durch die neuen Pläne wird das Gymnasium aus dem Korsett der Pauk- und Lehrplanschule befreit. Damit wird es den Gymnasien ermöglicht, Wiederholungs- und Förderstunden für Langsamlerner einzurichten. Man muss sich das mal vorstellen: Plötzlich stehen Studienprojekte ganz hoch im Kurs, in mancher Kollegstufe gibt es sogar altersgemischte Kurse. Andere Schulen machen das längst. Doch für viele Studienräte humanistischer Prägung war das bislang ein Tabu, ein zersetzender reformpädagogischer Murks.

Inzwischen geht es sogar an den Kern des Gymnasiums: seinen Zwang zur Auslese. Bisher galt die Regel: Wer nicht mithalten kann, der bleibt sitzen oder wird abgeschult. Nun erlauben manche Minister den Gymnasiasten, die in einer Turboklasse normalerweise durchfallen würden, einfach weiterzumachen. Das bedeutet natürlich nicht, dass der alte Studienrats-Dünkel "Bei mir kommt nicht jeder mit" schon überwunden ist. Aber er ist angeknackst. Diesen Fortschritt kann man gar nicht hoch genug schätzen.

Nach dem Erfolg der AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt bangen viele Menschen um die Zukunft, es droht die erste AfD-Regierung. Das wäre eine (weitere) Zäsur für Deutschland. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

1 Kommentar

 / 
  • M
    mathias

    Mal abgesehen von dem Murks mit dem Knacken der Auslese im Artikel wäre anzumerken, dass nicht die ganze Nation über das "Turbo"- Abitur stöhnt.

     

    Sachsen und Thüringen haben das Abitur schon immer mit der 12. Klasse abgeschlossen, ohne das die Gymnasiasten reihenweise auf der Psychiatercouch liegen. Beim PISA Test haben sie auch nicht so schlecht abgeschnitten.