Kolumne: Vorauseilende Ethik

Der D-Day als Sinnbild eines gerechten, moralisch unangreifbaren Krieges ist ein Mythos, mit dem wir aufgewachsen sind und der jedes Jahr feierlich begangen wird.

Pfingsten verbrachte ich in St. Malo, auf einer Landspitze der Bretagne gelegen, wo einmal im Jahr ein erstaunliches Literaturfestival stattfindet, gewidmet jenen Texten, die in die Welt blicken. "Erstaunliche Reisende" hieß heuer das Motto und es meinte wohl auch erstaunte Reisende.

St. Malo ist von einer gewaltigen Stadtmauer umgeben, die so aussieht, als könnte sie jedem historischen Gewitter standhalten. Auch die Häuser wirken mit ihren soliden grauen Mauern wie befestigt, ein Verweis darauf, dass die Einwohner lange Zeit nicht Bourgeois oder Patrizier, sondern Korsaren und Republikaner (1590 wurde in St. Malo die Republik ausgerufen) waren. Eine der größten Straßen intra muros ist einem erfolgreichen Korsaren gewidmet, der jahrelang britische und holländische Schiffe kaperte, bevor er sich zur Ruhe setzte (wer weiß, nach wem die Straßen in Mogadischu in hundert Jahren benannt sein werden). Von drei Seiten vom Meer umgeben, liegt diese Vergangenheit so nahe, dass ein kleiner Junge auf ein vorbeirauschendes rotes Rettungsboot zeigt und "Pirat" ausruft. "Ja, mein Lieber", bestätigen die Erwachsenen, "das ist ein Pirat." Und sie lachen.

Alles in sonnigster Ordnung also, eine in der Geschichte verankerte Hafenstadt, durch die die Zeiten geflossen sind. Wäre da nicht am ersten Abend ein Gespräch mit einem französischen Kollegen, der mich fragt, ob ich wüsste, dass die Stadt nach dem Zweiten Weltkrieg gänzlich neu aufgebaut worden sei und dass fast nichts von dem alten Baubestand übrig geblieben war. Zerstört? Ja, völlig zerbombt. Von wem denn, frage ich verwirrt. Von den Alliierten, erklärt der Kollege geduldig. Wieso haben die Alliierten französische Städte dem Erdboden gleichgemacht? Das Schicksal, so der Kollege, haben viele Städte an unserer Küste erlitten, vor der Invasion im Juni 1944 in der Normandie und danach auch in der Bretagne. 85 Prozent der Altstadt hier waren zerstört, nur die Mauern standen noch. Denen konnten selbst panzerbrechende Granaten nichts anhaben.

Ich war erstaunt. Bei massenhaften Luftangriffen denke ich an Dresden und Coventry, und nicht an Caen und St. Malo. D-Day ist für mich, wie wohl für die meisten von uns, das Sinnbild eines gerechten, moralisch unangreifbaren Krieges. Ein Mythos, mit dem wir aufgewachsen sind und der jedes Jahr feierlich begangen wird, in Anwesenheit von Veteranen und Präsidenten. Denn auch diese Invasion hatte ihre düsteren Seiten. Allein in der Normandie wurden mehr als 15.000 Zivilisten durch die Bombardierungen im Vorfeld getötet und weitere 20.000 bei den Gefechten nach der Landung, vor allem in Caen. Insgesamt wurden im Sommer 1944 mehr französische Zivilisten (rund 70.000) durch Bomben der Alliierten getötet als britische Zivilisten durch deutsche Bomben (rund 50.000). Wie pervers klingt in diesem Zusammenhang der Begriff "friendly fire".

Dieser Tage hat der angesehene britische Historiker Anthony Beevor, von dem auf Deutsch zuletzt die umfangreiche Monografie "Der Spanische Bürgerkrieg" erschienen ist, eine Darstellung der Invasion veröffentlicht, in dem er die Bombardierungen der französischen Küstenstädte fast als Kriegsverbrechen bezeichnet, vor allem weil sie seiner Analyse nach nicht notwendig, ja sogar kontraproduktiv waren. Von der Verhältnismäßigkeit der Mittel ganz zu schweigen. Es bedarf des Mutes, tief eingefräste moralische Mythen in Frage zu stellen, so wie es auch der amerikanische Autor Nicholson Baker letztes Jahr getan hat mit seiner provozierenden Collage "Menschenrauch: Wie der Zweite Weltkrieg begann und die Zivilisation endete".

Mit einem Abstand von mehr als 60 Jahren wird auch der Zweite Weltkrieg zunehmend als ein Höllenfeuer angesehen, aus dem keine Seite moralisch unbeschadet herausgekommen und der mit dem Persilschein des "gerechten Krieges" nicht reinzuwaschen ist. Die Sieger drucken solche Exkulpationen inflationär, und die Mächtigen lassen sie sich in vorauseilender Ethik bescheinigen. Das Etikett "gerechter Krieg" wird wie ein TÜV-Siegel vergeben, um die Geschehnisse dann nicht weiter zu hinterfragen. In 60 Jahren werden wohl unsere Nachfahren die inzwischen unzähligen zivilen Opfer des "gerechten Kriegs" in Afghanistan erstaunt und empört zur Kenntnis nehmen. Vom Irak ganz zu schweigen. Die Gerechtigkeit wird schnell aus den Augen verloren, wenn Krieg geführt wird.

In St. Malo war auch der indische Autor des Buchs "Der weiße Tiger" Aravind Adiga zu Besuch. Auch Adiga hatte eine verwirrende Frage an mich. Wieso schreiben die Medien so wenig über den Massenmord in Sri Lanka, die größte humanitäre Katastrophe der letzten Zeit? Stattdessen marschieren die guten Nachrichten vorneweg, der Bürgerkrieg ist beendet, die Regierung hat umfassend gewonnen. Die englische Times habe Beweise zusammengetragen, dass die Armee Sri Lankas mindestens 20.000 Tamilen durch Artilleriebeschuss getötet habe. Doch keiner kann das verifizieren, weil die Regierung dafür gesorgt hatte, dass alle Journalisten, Diplomaten und Mitarbeiter des Roten Kreuzes aus der Region verwiesen wurden. Der Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen hat vor wenigen Wochen auf einer Sondersitzung den Antrag der EU-Ratsmitglieder abgelehnt, die Kampfhandlungen in Sri Lanka auf Menschenrechtsverletzungen zu untersuchen, die von beiden Seiten begangen worden sind. Stattdessen wurde eine von der Regierung Sri Lankas eingebrachte Resolution verabschiedet, in der sie sich selbst zur "Befreiung zehntausender ihrer Bürger" gratuliert und für die "dauerhafte Einhaltung der Menschenrechte" lobt. Damit diese Sicht der Ereignisse unwidersprochen in die Geschichte eingehen kann, wird Sri Lanka vielleicht dem Vorbild Russlands folgen. Dort wurde gerade ein Gesetzentwurf eingebracht, nach dem die Verunglimpfung der Roten Armee und ihrer heldenhaften Rolle im Zweiten Weltkrieg mit bis zu fünf Jahren Gefängnis bestraft wird.

Von St. Malo tuckern die Fähren heute nach Portsmouth und Poole, nach Weymouth und Guernsey. Jersey ist einen entspannten Törn entfernt. Der Tod kommt nicht mehr über den Ärmelkanal. Das St. Malo von heute heißt Mullaitivu.

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