Kolumne Zeitschleife: Die Angst vor dem schwarzen Loch

Es war ein eigenartiges Gefühl, nun mit dem Wissen, dass im Lauf des Nachmittags das Experiment am Cern steigen würde, den Elektrozaun der Schafweide zu reparieren.

Das hier ist - read it and weep! - die letzte Zeitschleife-Kolumne. Nein, zu früh gefreut: Meine netten Betreuer von taz zwei werden mich weiterhin diese Spalten hier füllen lassen, demnächst aber unter einer frischen Überschrift. Dem Entschluss waren zarte Hinweise und, ja, auch Einsicht vorausgegangen, die Kolumne habe sich inhaltlich über Gebühr von ihrem einst ins Auge gefassten Thema, nun, emanzipiert.

Ich sage das alles nur, um mich wichtig zu machen. Nein. Okay, doch. Aber ich sage das alles auch, um zu verdeutlichen, wie wirklich überdurchschnittlich schräg ich es gefunden hätte, wenn ausgerechnet heute, da ich mit der selbst gestellten Aufgabe schwanger ging, zum Finale noch beziehungsweise endlich mal eine so richtig knallermäßige Zeitschleifen-Story aus der Luft zu greifen - wenn wir ausgerechnet heute allesamt in einem schwarzen Loch verschwunden wären.

Was passiert, wenn man in einem schwarzen Loch verschwindet, kennt man ja zur Genüge aus dem gleichnamigen Film mit Maximilian Schell von 1979, und es will mir nicht in den Kopf, warum eine Horde von verrückten Professoren da oben in ihrem Elfenbeinturm in der Schweiz gar so wild drauf ist, die gesamte Schöpfung oder wenigstens den Eurovision-Raum in ein Zeitwurmloch zu schleudern - voller Roboter mit rotierenden Messerhänden und so einem Scheiß! Und dafür noch Milliarden verpulvern!

Nein, nur Spaß, ich weiß schon: Das sind honorige, seriöse Männer da oben in ihrem Elfenbeinturm in der Schweiz, und es bestand wohl zu keinem Zeitpunkt Gefahr für die Galaxie. Die wissen, was sie tun, die wollen einfach nur Protonen kollidieren lassen wie jeder normale andere verrückte Professor auch, die machen doch nicht mir nichts, dir nichts ein schwarzes Loch auf!, hieß es sinngemäß in den 12-Uhr-Nachrichten. Und doch war es ein eigenartiges Gefühl, nun mit dem Wissen, dass im Lauf des Nachmittags das Experiment am Cern steigen würde, mit meinem Cousin hinauszugehen hinters Haus, um den Elektrozaun der Schafweide zu reparieren.

Ich sah die Schafe. Ich sah meinen Cousin. Ich sah die Wiese, die Scheune und den Wald. Was, wenn die sich nun doch vertan hatten? Und wie würde man es mitkriegen da hinterm Haus? Würde einfach *klick* die Existenz von ALLEM ausgeknipst? Wenn ja, dann bei meinem Glück erst, wenn wir mit der Plackerei fertig waren. Oder würden wir in eine andere Dimension geschaltet und gar nichts mehr merken, außer dass die Wiese plötzlich rosa ist? Oder würde tatsächlich die Zeit stehen bleiben, zumindest für äußere Beobachter, wie man immer liest, und ich steh da mit meiner schlabbrigen Arbeitshose und dem doofen Hut auf?

Aber, und das beruhigte mich doch, wenn da was nicht hasenrein lief, würde es einen Untersuchungsausschuss geben. Irgendwann, und wenn die Zeit noch so stehen bleibt oder aber vergeht, irgendwann gibt es dann einen Untersuchungsausschuss. Es gibt ja jetzt sogar einen wegen der mutmaßlichen Manipulation von Gorleben-Gutachten durch die Kohl-Regierung Anfang der 80er. Und Stephen Hawking, les ich gerade, sagt, dass schwarze Löcher bei ihrem Zerfall gesammelte Information wieder abgäben.

Man möchte sich nur nicht vorstellen, was das dann für ein Getue wäre, bis da die Anträge auf Akteneinsicht durch sind. Um 18.17 Uhr MESZ war der Stromkreis geschlossen, und wir konnten die ersten Elektronen auf die Reise schicken. Unter meinem Cousin und mir brach Jubel aus. Die Auswertung der ersten Daten kann aber noch Wochen dauern. Jetzt müssen erst mal die Schafe lammen. Frohe Ostern.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben