Kolumne Wutbürger: Packt das Smartphone weg!

Einst fotografierten wir, um Momente zu bewahren. Das Wesen der Digitalfotografie ist es, Momente auf alle Ewigkeit zu zerstören.

„Es war kaum noch möglich, das Geschehen mit eigenen Augen zu verfolgen.“ Bild: imago/stephan görlich

Einst war es das Wesen der Fotografie, Momente für die Ewigkeit zu erhalten. Bei der digitalen Fotografie liegt die Sache anders. Zwischen dem Schießen eines Fotos und seinem Verfallsdatum liegt bei den meisten gerade noch die Zeit, die man braucht, um es sich anzusehen und sofort zu löschen.

Lange Zeit war mir das egal. Wenn die Leute die Welt nur noch über einen zigarettenschachtelgroßen Bildschirm wahrnehmen wollen, bitte schön. Inzwischen aber bin ich überzeugt: Das Wesen der Digitalfotografie ist es, Momente auf alle Ewigkeit zu zerstören.

Endgültig klar wurde mir das bei einem Festival, das ich vor Kurzem besuchte. Egal, welche Band gerade auf der Bühne stand: Etwa alle drei Sekunden schnellte ein Smartphone oder eine Digiknipse in die Luft. Ich habe sogar ein paar Tablets gesehen. Es war kaum noch möglich, das Geschehen mit eigenen Augen zu verfolgen.

Doch was soll dabei herauskommen, wenn man im Dunkeln aus zweihundert Metern mit einer Kamera fotografiert, die im Hellen bei zehn Metern schon an ihre Grenzen stößt? Wie man sich am nächsten Tag beim Anblick dieses Breis aus Farben, Licht und schwarzen Flecken an den Vorabend erinnern will, ist mir unbegreiflich. Es ist, als würde man die Musik nachempfinden wollen, indem man einen Text liest, der entsteht, wenn ein Schimpanse im Takt auf der Tastatur tanzt. „Song 2“ von Blur, einer der Bands des Festivals, liest sich dann so: Lmö

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Ich kann diese Entwicklung nicht mehr stoppen. Der Fortschritt ist wie ein Sack Flöhe. Einmal entkommen, ist er nicht mehr einzufangen. Ich ziehe deshalb meine Konsequenzen. Beim nächsten Konzertbesuch werde ich mich zu einem Knipser stellen und ihm alle drei Sekunden zuraunen: „Ist das nicht ein ganz, ganz tolles Konzert?“

Ich bin sehr, sehr zuversichtlich: Diesen Abend wird er so schnell nicht vergessen. Und davon haben wir ja beide etwas.

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Journalist, Buchautor, Moderator. Ärgert sich gern über Dinge, über die er sich gern lustig macht. Arbeitet außerdem als Dozent, weil man sich ja nicht immer nur ärgern kann, sondern auch den Jüngeren erklären muss, warum Journalismus immer noch der schönste Beruf von allen ist.

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