Kolumne Nebensachen aus Rom: „Bring deine Träume mit zur Schule“

In Italien müssen Kinder das Klopapier und das Kopierpaper von zu Hause zur Schule tragen. Für Werbevideos ist allerdings reichlich Geld vorhanden.

Auch Italiens Schulministerium ist im 21. Jahrhundert angekommen. Vor einigen Wochen stellte die Behörde ein Video auf die Ministeriums-Website. Dieses Video trägt den Titel: „Bring deine Träume mit zur Schule“. Nur eine Minute dauert der Streifen, doch er ist wirklich traumhaft schön. Da sehen wir Jugendliche in einer Musterklasse, blitzsauber, hell und aufgeräumt, jeder hat einen Flachbildschirm vor sich. Dazu die Stimme aus dem Off, „früher gab es die Tafel und die Kreide, heute E-Book und digitale Unterrichtsmaterialien“.

Schade, dass das alles wirklich bloß ein Traum ist in Italiens Schulen. Schnell fanden die zahlreichen Kritiker heraus: Der Streifen war in der Deutschen Schule Mailand gedreht worden. Und die Bildschirme hatte die Video-Produktionsfirma gleich selbst mitgebracht. Der Schulalltag in Italien sieht leider ganz anders aus: Tafel und Kreide, wie seit Jahrzehnten schon, oft genug in ziemlich schäbigen Klassenzimmern, die vor 25 bis 30 Jahren das letzte Mal gestrichen wurden.

Nicht dass die Schulen des Landes schlecht wären. Engagierte Lehrer, die gerade mal gut die Hälfte dessen verdienen, was ihre deutschen Kollegen bekommen, mühen sich nach Kräften. Und auch die Familien mühen sich mit, meist nicht zu knapp. Das fängt in der Grundschule an – mit der Bitte der Schulleitung, doch den Kindern Kopier-, aber auch Klopapier mitzugeben, weil der Etat für diese Posten schlicht nicht reicht.

Es geht weiter dann in der Scuola media – einer Einheitsschule, die alle vom 6. bis zum 8. Schuljahr besuchen. Kaum hat das Jahr begonnen, kaum sind an die 300 Euro für Bücher und Lehrmaterial draufgegangen, da werden die Eltern per Brief von der Schulleitung angeschnorrt: Jeder möge einen „freiwilligen Beitrag“ von 50 Euro leisten für die dringend anstehenden Ausgaben. „Freiwillig“ ist an diesem Beitrag allerdings nichts.

Die Kinder haben den Zahlungsbeleg der Klassenlehrerin vorzulegen, und wenn nicht alle zahlen, dann können „didaktische Exkursionen“ ins Museum oder den Botanischen Garten halt leider nicht stattfinden. Schließlich wurden in den letzten drei Jahren im staatlichen Schuletat stolze 8 Milliarden Euro eingespart; die Lücken dürfen jetzt, mehr schlecht als recht, die Eltern füllen. Geld allerdings hatte das Ministerium für das schöne Video – und auch eine pfiffige Erklärung: Da sei es schließlich gar nicht um die Realität gegangen, sondern um die Schule, „von der wir träumen“.

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Promovierter Politologe, 1985-1995 Wissenschaftlicher Mitarbeiter an den Unis Duisburg und Essen, seit 1996 als Journalist in Rom, seit 2000 taz-Korrespondent, daneben tätig für deutsche Rundfunkanstalten, das italienische Wochenmagazin „Internazionale“ und als Wissenschaftlicher Mitarbeiter für das Büro Rom der Friedrich-Ebert-Stiftung.

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