Kolumne Navigationshilfe: Ein traumatisiertes Dorf
Moengo ist das Heimatdorf des ehemaligen Rebellenführers Ronnie Brunswijk. Viele Bewohner flohen während des Guerillakrieges.
Foto: imago-images/Friedrich Stark
I ch war einmal in einem traumatisierten Dorf. Wir wussten das nicht, als wir dort landeten auf einer Fahrt durch den Norden von Suriname. Es wirkte wie ein Allerweltskleinstadt, tropisch schwül, viele Kinder auf der Straße, Erwachsene, die am Bürgersteig saßen. Sie schauten uns an. Es war etwas Seltsames in den Blicken. Nicht die übliche Kombination aus Neugier und Gleichgültigkeit, sondern Aggressivität, Unruhe, vielleicht Abneigung, als wären wir irgendwo eingedrungen, wo wir nicht hingehörten. Am Ende des Dorfes begegneten wir einer Frau, die ein Kunstprojekt leitete. Sie erzählte uns die Geschichte von Moengo.
Suriname ist ein multiethnisches Land. Es leben etwa Nachfahren von Niederländern, von Indern, Javanern, Chinesen, von afrikanischen Sklaven und Indios dort; es gibt Christen, Muslime und Hindus. Die meisten Leute, denen wir begegneten, waren stolz auf das Multikulti. Kaum einer, der nicht erwähnte, dass in der Hauptstadt Paramaribo eine Moschee neben einer Synagoge steht.
„Es gibt hier keine Leitkultur“, erzählte uns einer, der uns im Auto mitnahm. „Das Zusammenleben funktioniert, weil jeder leben darf, wie er will. Und weil es hier genug Platz dafür gibt.“ Ein paar Tage lang waren wir beeindruckt davon. Dann lernten wir, dass das Multikulti nur zum Preis absoluter Segregation funktionierte: Es gab muslimische Dörfer und Hindu-Dörfer, die im Wohlstandsniveau krass unterschiedlich waren. Es gab Hierarchien; die Maroons, Nachfahren geflüchteter Sklaven, standen ganz weit unten. Dann kam einer, der einen Maroon-Aufstand anführte. Das war Ronnie Brunswijk, und seine Rebellenhochburg war Moengo.
„Da hinten wohnt Ronnie Brunswijk“, sagte die Künstlerin. „Jeder weiß, dass er bis heute hier lebt. Die Leute lieben ihn noch immer.“ In Brunswijks bis 1992 währendem Guerillakrieg rächte sich die Armee übel an der Bevölkerung von Moengo. Viele flüchteten nach Französisch-Guayana. Irgendwann kehrten sie zurück, und blieben ungewollt.
Unsere Erzählerin glaubt, bis heute seien die Leute traumatisiert. „Die Erwachsenen kommen nicht klar, sie schlagen die Kinder zu Hause und in der Schule, und der Kreislauf setzt sich fort.“ Wenn irgendjemand uns später vom Multikulti Surinames vorschwärmte, dachten wir an Moengo. Multikulti bedeutet gesteigertes Konfliktpotenzial und Verteilungskämpfe. Die Bruchlinien verlaufen oft entlang ethnischer Zugehörigkeiten. Und auch in vermeintlich bunten Gesellschaften bleiben die meisten lieber in ihrem kleinen Hindu-Dorf.
Die Künstlerin in Moengo versuchte mittels Malerei, den Kindern wieder zu kreativem Denken zu verhelfen. Sie vermittelte Hoffnung. Weitgehend allein mit dem Projekt in einer Gesellschaft, die mit Buntheit zwar warb, sie aber offenbar nicht erleben wollte.
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