Kolumne „Nach Geburt“

Wissenschaftlich bewiesen!

Warum versuchen die Anhänger des Familienbetts so krampfhaft, diese Form des Schlafens als überlegen zu verkaufen?

Ein Kind zieht sich eine blaue Bettdecke über das Gesicht

Ich möchte doch nur einmal in Ruhe schlafen Foto: dpa

„Nein.“ Kurze Antwort meiner großen, zwei Jahre alten Tochter auf die Frage, ob ich ihr zum Einschlafen noch ein Lied vorsingen soll. Als ich mal an einem anderen Abend beim Zubettbringen „Weißt du wie viel Sternlein stehen?“ anstimmte, meinte sie trocken: „Ja.“ Zu meiner Freundin sagte sie vor Kurzem: „Mama, rausgehen!“

Unsere Tochter schläft – Warnung: Folgende Worte können Spuren seelischer Grausamkeit enthalten – in ihrem eigenen Zimmer. Ganz allein. Licht aus. Sie schläft durch. Und anscheinend ganz gern für sich allein.

Sie sagen jetzt: Das ist mir doch egal, wie und wo sie schläft.

Und ich antworte dann voller Empörung: Ja, versteh ich gut.

Aber: Unter Eltern hat das Thema höchste Priorität. Und am wertvollsten – so hat die Konferenz der sich kümmernden Eltern entschieden – ist das Familienbett: Kinder, Mama und Papa pennen in einem Bett.

Schön. Kann jede und jeder gerne so machen. Das ist mir wumpe. Doch was mir nicht egal ist, ist, wenn mit pseudowissenschaftlichem Gequatsche versucht wird, andere zu dieser Schlafmethode zu bekehren. Das US-amerikanische „Natural Child Poject“ hat auf seiner Seite „Ten Reasons to Sleep Next to Your Child at Night“ veröffentlicht. Das Blog Rabeneltern.org hat den Text übersetzt. Und ich hab da mal ein paar Anmerkungen:

Grund 2: Der Schlafforscher James McKenna sei der Meinung, dass Eltern nur durch das gemeinsame Schlafen mit den Kindern im Familienbett in die Lage versetzt würden, die Kleinen „aktiv vor dem plötzlichen Kindstod zu bewahren“.

Viele Forscher sehen das anders. Die Deutsche Gesellschaft für Kinderheilkunde und Jugendmedizin empfiehlt, Kinder im eigenen Bett schlafen zu lassen. Ihre Begründung? Schutz vor plötzlichem Kindstod.

Grund 4: „Babys und Kinder sind verbrannt, sexuell missbraucht worden von Verwandten, die zu Besuch waren, sind aus dem Bett entführt worden, wurden von Haustieren attackiert, sind am eigenen Erbrochenen erstickt, sind gestorben oder wurden schwer verletzt auf die unterschiedlichste Art und Weise. All dies hätte verhindert werden können, wenn ihre Eltern in unmittelbarer Nähe gewesen wären.“

Viele Unfälle würden verhindert, wenn wir unsere Kinder an der Leine führten.

Grund 7: Das Familienbett schütze Kinder vor gewalttätigen Eltern, „weil auf diese Weise am ehesten gewährleistet ist, dass alle ausreichend Schlaf bekommen“, ergo niemand übermüdet und angespannt sei.

Auf die Studie, die belegt, dass das Familienbett am ehesten gewährleiste, dass alle ausreichend Schlaf bekommen, warte ich noch.

Grund 10: „Studien über Patienten im Koma beweisen, dass die Anwesenheit von einer anderen Person im Raum, Herzschlagfrequenz, Herzrhythmus und Blutdruck des Patienten positiv beeinflussen. Es erscheint vernünftig anzunehmen, dass bei Babys und Kindern ähnliche gesundheitliche Vorteile hervorgerufen werden.“

Es erscheint genauso vernünftig, das Gegenteil anzunehmen. Und noch vernünftiger erscheint es, erst einmal gar nichts anzunehmen, was man nicht belegen kann.

Noch mal: Jede/r soll so schlafen, wie es ihm oder ihr gefällt. Aber, liebe FamilienbettapologetInnen, bitte erhebt eure Überzeugungen nicht zur Wissenschaft. Das verunsichert junge Eltern nämlich wirklich.

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Seit 2008 bei der taz. Davor: Journalistik und Politikwissenschaft in Leipzig studiert. Dazwischen: Gelernt an der Axel Springer Akademie in Berlin. Mittlerweile: Ressortleiter tazzwei/Medien.

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