Kolumne Ich meld mich

„Das nenn ich innovativ“

Die Welt ist rund und die marktläufigen Sehnsuchtsorte der Touristen sind immer dieselben. Reisemagazine kämpfen um höchste Kreativität.

Auf ein Spind sind zwei Hexen gesprüht, die auf Besen über grüne Hügel fliegen

Vielleicht ein Knaller: Hexenflug zum Brocken Foto: imago/Martin Wagner

Dicke Luft in der Redaktion. Die Auflage von rrr – reisen rauf & runter ist schon wieder gesunken. Krisensitzung. „Gebt mir Input“, tobt der Chefredakteur. „Ideen will ich, dass es quietscht.“

„Wie wär’s mit einer Liste?“, wagt sich der Volontär zaghaft aus der Deckung. „Genial“, jubelt der Chef. „Das nenn ich innovativ. Sagen wir: Die sechs Traumziele der Saison. Oder noch besser: Sechs Sehnsuchtsorte 2017. Und jetzt gebt mir Content, Leute, hopphopphopp.“

„Salzburg muss drauf“, sagt die Österreicherin, „Salzburg muss immer drauf.“ „Und Boppard auf jeden Fall“, ergänzt der Chef. „Da bin ich jedes Jahr im Urlaub.“ „Boppard ganz klar, auf jeden Fall“, echot der Art-Director. „Was ist mit Shopping?“, mahnt die Lifestyle-Expertin. „Unbedingt“, jubelt der Redakteur aus Dortmund. „Das Centro in Oberhausen. Dann haben auch die Zuhausebleiber was davon.“ „Vergesst mir das Wasser nicht“, quengelt die Kieler Kollegin. „Die ‚Seawind II‘“, springt ihr der Kreuzfahrtspezialist sofort bei. „Da will ich nächstes Jahr mal drauf.“

„Monte Christo“, schlägt die Redaktionsassistentin jetzt schüchtern vor. „Und warum das?“, will der Chef wissen. „Habe ich gerade ein so schönes Buch gelesen.“ „Zu intellektuell“, bürstet er sie ab. „Budapest“, kräht der Osteuropaexperte, „hatten wir lange nicht mehr.“ „Nix da“, kontert der Art-Director. „Budapest ist durch. Die Konkurrenz. Hatten die von rrr – reisen rein & raus gerade.“ „Dann eben Tschelja­binsk.“ „Tscheljabinsk geht klar.“

„Bingo“, sagt der Chef. „Haben wir, lass mal sehen, 1, 2, 3, 4, 5 – was machen wir zum Spitzenreiter? Jetzt will ich aber einen Knaller, Leute.“

„Schopfenbach im Allgäu“, verkündet die Kielerin nach kurzem Überlegen. „Käse, Kuhglocken, Jodelabend – Ethnofood und Weltmusik, die Begegnung von gestern und heute. Mein Cousin ist da irgendwann durchgefahren und fand es so was von retro.“

„Ganz, ganz großartig, chica“, jubelt der Chef in die ehrfürchtige Stille. „Tutti completti. Ihr könnt sicher sein, dieses Heft reißen sie uns aus der Hand.“

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