Kolumne Fernsehen: Rettungsfonds für den Kinnteufel

Bundesregierung, bewahre die D-Promis vor dem Wüten der Reality-Shows. Tu es für uns.

Meine Bücher müssten mich hassen - wenn sie zu derlei Gefühlsregungen in der Lage wären. Doch anstatt ihrem Ärger Luft zu machen und mich als kulturlosen Banausen zu beschimpfen, stehen sie stumm im Regal und kehren mir vorwurfsvoll den Rücken zu, der eine erste Ahnung davon vermittelt, was ich mit ihnen alles erleben könnte. Nur zwei, drei Mal im Jahr nehme ich diese Einladung an - wenn ich in den Urlaub fahre, ein paar von ihnen in den Koffer werfe und dann tatsächlich stundenlang darin lese, lese, lese, nachhole, was mir zu Hause trotz guter Vorsätze nur ganz selten gelingt. Da läuft abends meistens noch für ein, zwei Stunden der Fernseher.

Zum Glück bin ich abends oft unterwegs. Welch Gnade ein intaktes Sozialleben ist, merke ich immer dann, wenn ich mal einen ganzen Abend zu Hause bin und schon vor dem "heute-journal" meinen tollen, mir zugelaufenen Fernseher einschalte (Es geht ihm übrigens gut, funktioniert immer noch einwandfrei). Denn die "beste Sendezeit" ist nur für die Sender gut, können sie doch zwischen 20.15 Uhr und 22.15 Uhr ihre Werbeblöcke am teuersten verkaufen, weil die Einschaltquoten dann am höchsten sind; der Zuschauer hingegen sollte sich davor hüten, aus dieser Bezeichnung Erwartungen an die Qualität des Prime-Time-Programms abzuleiten - auch wenn die Sender sich Mühe geben, so zu tun, als gäbe es da eine Verbindung.

Neulich hatte ich also am Samstagabend mal nichts Besseres vor - und habe schrecklich dafür gebüßt: Ich werde alles dafür tun, dass das so bald nicht wieder vorkommt! Weil ich darüber schon so viel Schlechtes gelesen und gehört hatte, habe ich "Solitary" geguckt, eine Art Isolationshaft-"Big Brother" für masochistische Ex-D-Promis. Die Kandidaten, von denen ich außer dem "Kinnteufel" Martin Kesici, der vor hundert Jahren mal die Sat.1-Castingshow "Star Search" gewonnen hat, niemanden kannte, standen gerade in ihren Zellen auf einer Art Nagelbrett und litten in die Kameras. Nummer 6, ein Mensch wohlgemerkt, die "Galileo Extrem"-Moderatorin Funda Vanroy, hält es als Erste nicht mehr aus und drückt den roten Knopf.

"Ich will ehrlich sein: Ich habe mehr von dir erwartet", tadelt die Maschinenstimme "Alice" aus dem Off. "Du hast den Kampf gegen dich selbst verloren." Und was macht die frisch Ausgeschiedene? Anstatt froh zu sein, dem ProSieben-Folterkeller entkommen zu sein, ist Funda Vanroy den Tränen nahe: "Vielleicht habe ich nicht alles gegeben. Dass es so hart werden würde, habe ich nicht gedacht. Ich werde ,Solitary' vermissen." Warum Menschen ihre Selbstachtung für ein bisschen Trash-TV-Präsenz aufgeben, werde ich nie begreifen.

Exnationaltorwart Eike Immel hat seinen Ausflug ins RTL-Dschungelcamp damit begründet, dass er Geld für eine Hüft-OP brauchte. Hiermit fordere ich die Bundesregierung auf, einen Rettungsfonds für in Not geratene Promis einzurichten. Sofort. Damit wäre dem Gemeinwohl mindestens so sehr gedient wie mit dem Pampern von Banken. Denn dann könnten sich Menschen wie Immel den Verrat an ihrer Würde nicht mehr so einfach schön reden. Übrig blieben nur armselige Motive.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben