berliner szenen: Koks, überall Koks. Aber keine Bilder
Er würde gerne den Sommer mal kurz resümieren, sagt O. Wir sitzen im chinesischen Noodlehouse. Neulich ging er hier vorbei, die Straße voller Menschen. Da steht ein älterer Herr zwischen den parkenden Autos, Hose auf halbmast, und pisst gegen die Stoßstange eines Mittelklassewagens.
Einer dieser hyperkorrekten Millennials steht auf dem Gehsteig und schimpft. Was ihm einfalle, fremde Autos anzupinkeln, wenn das sein Wagen wäre, wäre er aber sauer, sagt er.
Der Herr steckt das Corpus Delicti weg, blickt den Millennial traurig an und sagt: Das ist mein Wagen. Der Millennial schluckt, dann machen Sie mal die Tür auf, sagt er schlagfertig. Der Herr zieht die Hose hoch, fummelt den Schlüssel aus der Tasche und schließt die Fahrertür auf.
Dass sich die Seltsamkeiten häufen, ist eine Erfahrung des Sommers, sagt O. Letzte Woche wurde er in einem italienischen Restaurant in seiner Nachbarschaft so lange ignoriert, bis er unverrichteter Dinge wieder ging. Auf die Frage, ob er die Karte haben könne, habe der Kellner gesagt, die sei in seinem Kopf. Tatsächlich war in dem Kopf aber nichts, meint O.
Als er M. davon erzählt habe, habe der nur gesagt: Koks, überall Koks.
Das nächste Erlebnis liegt schon etwas zurück. Anfang des Sommers hatte O. einen Film zum Entwickeln in ein Fachgeschäft gegeben. Als er die Abzüge nach drei Wochen abholen wollte, zeigte sich, dass der Film noch gar nicht ins Labor geschickt worden war. Um es abzukürzen: O. machte noch zwei weitere Versuche, die Fotos abzuholen, ohne Erfolg. Einmal hieß es, das dauert noch, beim zweiten Mal wollte der Angestellte mit ihm feilschen, ob er schon acht Wochen warte oder erst sechs. Inzwischen sind über drei Monate vergangen, manchmal träumt O. von seinen Fotos.
Sascha Josuweit
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