: König und Kasper
Von unserer Kontext-Redaktion↓
Winfried Kretschmann muss manchmal sehr verschiedene Dinge tun. An dem einen Tag muss er eine Werbekampagne eröffnen, die dem Land Wachstum und Wohlstand verspricht, am anderen eine Rede zum Klimaschutz halten, den es ohne Bremsen bei beidem nicht gibt. Das heißt, dass er an dem einen Tag mit Daimlerchef Ola Källenius die Fahne für „The Länd“ hochhalten und am andern sagen muss, dass keine Zeit mehr bleibt. Beim Unter-zwei-Grad-Kampf. Das erfordert dialektisches Denken.
Mit Kretschmann und Hannah Arendt hätte man jetzt vortragen können, dass Vergebung der Schlüssel für Bewegung und Freiheit ist, mit Vorliebe bei umweltverschmutzenden Autobauern. Aber das macht die Scholle für den Eisbären auch nicht größer. Hier hilft die Freiheit des Denkens weiter, wenn man, auch im Arendtschen Sinne, den technischen Fortschritt für eine Lösung hält, so er beides nachhaltig erhält: Reisen und Regenwald. Bei den Grünen ist diese Idee beliebt.
Allerdings ist dieser Fortschritt im Kapitalismus stets ökonomisch definiert, also auf Konkurrenz aufgebaut und somit performanceabhängig, was dem grünen Ministerpräsidenten, der bisweilen als gütiger König erscheint, die neue Rolle eines Turbo-Testimonials zuweist. Zumindest scheint er das zu glauben.
Verstärkt greift der 73-Jährige auf ein neoliberales Vokabular zurück, verlangt, ehrgeiziger, schneller und wirksamer zu werden, und sagt es auch auf Englisch. Gedanklich in one boat mit Günther Oettinger und Wolfgang Schäuble, sonst isch over wie in Griechenland. Während er früher in seiner Laizer Werkstatt Holz gesägt hat, fährt er jetzt in einem gelben Taxi durch London, auf dem steht: „The Länd is pleased to meet you“.
Die Werbeleute finden die Kaspernummer lustig, und Regierungssprecher Arne Braun, der im Staatsministerium für die Lustigkeit verantwortlich ist, wird glauben, dass sich die sieben Millionen Euro pro Jahr bereits gelohnt haben. „Die Kurpfälzer stehen schon morgens Schlange“, betitelt der „Mannheimer Morgen“ seinen Bericht über den Run auf gelbe Luftballons, Kugelschreiber, Taschen und T-Shirts. Alles ausverkauft. „Die nächste Stufe ist gezündet“, berichten die Stuttgarter Blätter über Kretschmanns Taxifahrt. „The Länd of the free“, freut sich eine junge Autorin in der „Badischen Zeitung“ über die „Innovation mit Augenzwinkern“.
Das klingt gut und macht die Griesgräme locker wett, die sich zuhauf auf Rupert Koppolds Betrachtung über die Kampagne als Praktikantenübungsgelände gemeldet haben. Dämlich, hinterwäldlerisch, zum Fremdschämen, dumm wie Brot – so stand es in ihren Kommentaren. Offenbar wollen sie ihr Land nicht als Gimmick betrachten, den Merchandising-Artikel „The Täsch“ auch nicht kaufen. „Cash in the täsch is the name of the game“, hat schon der frühere Bahnchef Rüdiger Grube gesagt. Und damit alles Wesentliche.
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