Kinder auf dem Land: Im TÜV-geprüften Spielturm

Wozu lebt man eigentlich am Busen von Mutter Natur, wenn die wenigen vorhandenen Kinder auf Grundstücken eingezäunt werden müssen?

Ein Kind auf einem Trampolin springt aus dem Bild

Täte es nicht auch ein Gang in den Wald? Foto: Westend61/imago Images

Bei uns hier draußen im ländlichen Bereich hätte es Corona nicht gebraucht. Waren bis dahin die Grundstückspreise absurd gestiegen, so sind sie seither schlicht explodiert. Die Provinz verheißt in Zeiten der Gefahr Überschaubarkeit und ein gewisses Maß an Sicherheit vor den Anfechtungen der nahen Großstadt. Klar, hier gibt es auch Jugendliche, die sich in Schlauchbooten auf dem Wasser treffen, saufen und Techno hören. Aber es verteilt sich halt alles besser. So viele Schlauchboote kann es gar nicht geben, dass unser See damit überfüllt sein könnte, so wie man es jüngst im Moloch Berlin sah.

Doch manchmal übertreiben sie es auch, unsere Häusle bauenden NeubürgerInnen. Unter einem Umzug ins Grüne scheinen einige zu verstehen, dass sie sich die hiesige Natur untertan machen müssten. Es ist erstaunlich zu beobachten, wie strikt der teuer erworbene Grund und Boden einem von den örtlichen Baumärkten diktierten Plan unterworfen wird. Kirschlorbeer, Thuja, Rollrasen, dazwischen ein Pfeifengras im Kiesbett – fertig ist die pflegearme Darstellung eines Gartens.

Ebenfalls immer mal wieder anzutreffen: der Schottergarten, Ausdruck verkümmerter Naturnähe seiner Besitzer. Dunkelgrauer Steinabfall, in dessen Mitte nachts eine lila LED-Kugel verzweifelte Signale ins dörfliche Dunkel sendet. Ein Stück teuer erworbene private Weltherrschaft. Nicht auszudenken, was passiert, sollte sich doch noch ein Löwenzahn erdreisten, hier seine kleine Pfahlwurzel in den Grund zu rammen. Die Besitzer würden den vermutlich lieber sprengen, als Abweichungen von den Katalogbildern ihrer Baufirma zu dulden.

Ensembles in Rot-Blau-Holz

Das weiß Gott traurigste Ambiente jedoch stellt der privat installierte Spielplatz dar. Hinter stabilen Zaunfeldern schweift der Blick der Spaziergängerin über sogenannte Kinderspieltürme, also Holz-und-Kunststoff-Ensembles in Rot-Blau-Holz, die im Schatten der märkischen Kiefern dämmern. Ihre TÜV-haftigkeit atmet genormtes, unfallfreies Spiel pumperlgesunder Kinder. Aber da sind keine Kinder. Und wenn es doch welche gibt, handelt es sich allermeist um Einzelexemplare. Wir leben in demografisch kribbeligen Zeiten.

Der Mann sagt, ich solle nicht so herzlos spotten, die Lonely-Spielplatz-Erbauer wären vermutlich einfach gern vorbereitet auf Kinderbesuch aus der Nachbarschaft. Oder auf Enkelbesuch. Mag sein, erwidere ich, aber da sind nie Kinder. Nicht im Turm, nicht auf dem Trampolin, nicht im himmelblauen Pool, dessen Umwälzpumpe leise summt. Auch nicht nachmittags oder abends, wenn Kita und Schule aus sind.

Wo stecken die denn? Und wozu leben wir hier eigentlich am Busen von Mutter Natur, wenn die wenigen vorhandenen Kinder auf Grundstücken eingezäunt werden müssen? Täte es nicht auch ein Gang in den nahen Wald oder auf den kommunalen Spielplatz? Schon schade, dass die Suche nach individueller Freiheit viel zu oft in einem selbst gebastelten Gartengefängnis endet.

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1965, ist taz-Parlamentsredakteurin. Sie berichtet vor allem über die Unionsparteien und die Bundeskanzlerin.

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