„Kidical Mass“ in Bremen: Angst macht Kids radlos

Angelehnt an die „Critical Mass“ touren am Sonntag Kinder und Angehörige mit dem Rad durch die Stadt. Ihr Wunsch: mehr Platz auf der Straße.

drei kinder fahren Fahrrad, mit dem Rücken zur Kamera

Zu dritt entspannt nebeneinander fahren: nicht nur für Kids eine Seltenheit Foto: Ralf Hirschberger/dpa

BREMEN taz | Sie sind weniger erfahren, eher mal unaufmerksam, und auch einfach kleiner: Kinder haben es auf städtischen Straßen nicht leicht. Jan, sieben Jahre alt, wünscht sich deswegen eine Rennbahn für Fahrräder und Roller. „Vor unserem Haus, oder durch die ganze Stadt“, Hauptsache, ganz ohne Autos, damit man richtig schnell fahren kann. Denn ihn nervt es, wenn die Erwachsenen ihn im Straßenverkehr ständig dazu auffordern zu bremsen, langsam zu fahren, zu gucken.

Seine Mutter Linda findet in deren unmittelbaren Nachbarschaft den Kirchweg „richtig schrecklich“. Dort endet deswegen auch der Bereich, in dem Jan allein fahren darf. „Es gibt keinen Zebrastreifen.“

Jan kann nicht über die Autos drüberschauen. Daher stehe er quasi schon auf der Straße, wenn er diese regulär überqueren will. Auch der Buntentorsteinweg sei nicht besser, sagt Linda: „Der Radweg, wenn er denn dann überhaupt speziell Radweg ist und nicht einfach neben der Straßenbahn läuft, die man im Vorbeifahren fast anfassen kann, ist so schmal. Das finde ich auch mit den Kids zusammen heikel.“

Kolja ist 12 Jahre alt, wohnt auch in der Neustadt und fährt jeden Tag mit dem Rad zur Freien Gemeinschaftsschule Bremen. Dafür geht es über den Deich zur Erdbeerbrücke und auf der anderen Seite bis nach Sebaldsbrück. „Am Deich ist es schön, aber am Ende des Wegs durch die Stadt wird es schwieriger“, sagt er. „Viele Autos sind nicht so rücksichtsvoll, wie ich mir das wünschen würde.“ Rund um den Bahnhof Sebaldsbrück komme er aufgrund der vielen Baustellen schlecht durch: „Manchmal muss ich auf der Straße fahren.“

Der Abstand zur Straße ist oft zu knapp

Und auf dem Rückweg fährt er auf der Erdbeerbrücke lieber auf dem Fußweg anstatt auf dem Radwegstreifen, der für beide Richtungen vorgesehen ist. „Sonst würde ich direkt neben den rasenden Autos fahren“, erklärt er. Ein Geländer oder mehr Abstand zur Straße sollten Radwege seiner Meinung nach haben.

Eine „fiese Kante zur Straße“ habe auch die Wilhelm-Kaisen-Brücke, findet Sebastian Segebade. Er ist Teil der Gruppe Eltern, welche die diesjährige „Kidical Mass“ plant. An diesem Wochenende findet die Tour an 130 Orten statt und ist eingebettet in die europäische Mobilitätswoche. Neben der besagten Kante komme auf der Weserbrücke das Problem dazu, dass der Radweg in beide Richtungen befahrbar ist.

Was einem als Erwachsener schon eng vorkommt, sei für Kinder fast unmöglich, sagt Segebade: „Kinder fahren immer Schlangenlinien.“ Er wisse zwar, dass er mit den Kleinen auch auf dem Fußweg fahren darf – „aber es geht doch darum, dass es den Raum zum Radfahren gibt“.

Segebade ist Vater von drei Kindern. Die älteren sind fünf und sechs Jahre alt und schon selbstständig auf dem Rad unterwegs. „Die machen das gut“, findet er, „aber man hat immer das Gefühl, dass die im Straßenverkehr untergehen.“ Besonders schlimm findet er nach wie vor den Stern, „ja, auch nach dem Umbau noch“. Der Kreisel bleibe unübersichtlich. „Auch die Autos kapieren das nicht so richtig.“

Einer seiner Wünsche für künftige Radwege ist daher ein ausreichender Abstand zur Straße. Oder eine bessere Abgrenzung – so wie sie Kolja fordert. Auch breiter sollten sie sein, etwa so wie aktuell in der Martinistraße. Hauptsache, die Pla­ne­r*in­nen haben im Hinterkopf, dass auch Kinder und Jugendliche problemlos vorbeikommen.

Denn aufs Radfahren zu verzichten, ist für Segebade keine Option. Trotz der Situationen, „in denen man sich als Eltern fragt: ‚Geht das gut‘?“ Radfahren in der Stadt sei schließlich „auch Lebensqualität“. Umso blöder, wenn Radfahrenden immer wieder der Platz von Lieferdiensten oder Privat-Pkw gestohlen wird, wenn diese auf dem Radweg halten.

Die Straße für sich haben

Für die „Kidical Mass“ wird die Hälfte der Innenstadt abgesperrt, von der Neustadt bis Schwachhausen. Man wolle den Au­to­fah­re­r*in­nen damit nicht auf die Füße treten, „aber mal die Augen öffnen“, sagt Segebade.

Ein weiterer Grund für die Tour: Den Kindern zeigen, wie es ist, die Straße mal für sich zu haben. „Das ist ein Raum, der ihnen sonst verwehrt wird. Das führt vielleicht dazu, dass Straßenverkehr von den Kindern anders gedacht wird“, sagt Segebade. Und nicht mehr gegeben ist, dass Radfahrende auf enge Radwege gehören.

Dass die Kids so denken, ist nicht programmiert. Denn viele Eltern kutschieren den Nachwuchs regelmäßig in die Kita oder zur Schule. Auch aus diesem Grund veranstaltet Jessica Mangels, Projektmanagerin bei der Klimaschutzagentur Energiekonsens, in der kommenden Woche eine Fortbildung für Er­zie­he­r*in­nen zum Thema „Klimafreundliche Mobilität im Kita-Alltag“. „Viele Eltern fahren ihre Kinder aus Sicherheitsgründen mit dem Auto zu Kita oder Schule, obwohl sie nur 300 Meter entfernt wohnen“, sagt Mangels. „Damit stellen sie letztlich selbst einen Teil der Gefahr dar, vor der sie ihre Kinder schützen möchten.“

Kita-Mitarbeiter*innen könnten sich gegen diese Haltung oft nicht durchsetzen – die Folge sind nicht nur verstopfte Straßen und unnötige Abgase: „Die Kinder werden dann so sozialisiert und fahren später auch überall mit dem Auto hin.“ Den Er­zie­he­r*in­nen soll nun vermittelt werden, wie sie das Thema spielerisch mit den Kindern angehen und später auch die Eltern mit ins Boot holen können. „Wenn die Kinder überzeugt sind, werden das auch die Eltern schneller.“

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