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Kellerbrand in der Stargarder StraßeEin Brand wird zum Werkzeug

120 Be­woh­ne­r*in­nen eines Hauses in Prenzlauer Berg können seit einem Monat nicht zurück in ihre Wohnungen. Eigentümer bietet teuren Ersatz an.

Die Haustür, aus Protest mit Gedichten beklebt Foto: privat/privat (auf Wunsch der Be­woh­ne­r*in­nen bearbeitet)

Aus Berlin

Milan Mathaj

Seit dem 24. Januar können die 120 Be­woh­ne­r*in­nen eines Hauses in der Stargarder Straße nicht in ihre Wohnungen zurückkehren. Ein Kellerbrand hatte damals dafür gesorgt, dass Gas, Wasser, Heizung und Strom unterbrochen wurden. Die 40 Familien mussten auf eigene Faust nach Unterkünften suchen, da sich die Hausverwaltung nicht kümmert. Einige von ihnen haben ihre Wohnungen bereits endgültig verlassen.

Die Be­woh­ne­r*in­nen haben nun für Freitag, den 6. März, eine Demonstration angekündigt. Um 18 Uhr wollen sie sich an der Stargarder Straße treffen. Sie fordern Transparenz, Verantwortung und das Recht, in ihre Wohnungen zurückzukehren. Auch mit Ver­tre­te­r*in­nen verschiedener Parteien haben sie schon gesprochen. Neben der Demonstration planen sie auch rechtliche Schritte.

Nach aktuellem Stand sollen die Reparaturen bis zum 31. März andauern. Der Mieter Denis Esakov ist allerdings skeptisch gegenüber den Ankündigungen der Hausverwaltung: „Entweder haben sie keinen Plan oder sie zeigen ihn uns nicht. Seit einem Monat machen sie jede Woche neue Versprechungen.“

Im Haifischbecken

Es ist was faul in der Mieterhauptstadt Berlin: Investoren spekulieren mit ganzen Wohnblöcken, Konzerne lassen ihre Häuser verfallen, Mie­te­r:in­nen müssen sich mit Eigenbedarfskündigungen und Wuchermieten herumschlagen.

Auch betroffen? Dann schreiben Sie der taz Berlin-Redaktion: haifischbecken@taz.de

Alle Texte aus dem Haifischbecken finden Sie hier.

Während sich die Reparaturen in die Länge ziehen, müssen sich die Mie­te­r*in­nen selbst um Ersatzunterkünfte kümmern, obwohl sie weiterhin die volle Miete zahlen. Mietminderungen können sie erst im Nachhinein geltend machen.

Der Vermieter maximiert den Gewinn auf jedem Quadratmeter unseres Hauses. Das ist ultra-aggressiver Kapitalismus.

Viele der Be­woh­ne­r*in­nen sind bei Familie und Freunden untergekommen, manche mieten eine zweite Wohnung oder ein Hotelzimmer – in der Hoffnung, dass sie das Geld zurückbekommen. Andere haben ihre Mietverträge aufgegeben. Das Ziel der Hausverwaltung? Diese habe in der Vergangenheit wohl schon mehrfach versucht, Be­woh­ne­r*in­nen mit vorteilhaften Verträgen loszuwerden, heißt es von Seiten der Mie­te­r*in­nen

Gentrifizierung pur

Neben den 120 Be­woh­ne­r*in­nen sind auch zwei Gewerbe betroffen, das Café Krümel sowie die Hokey Pokey Boutique. Diese mussten, bis die Reparaturen vollendet sind, vorübergehend schließen.

Der Vermieter sucht nach immer mehr Wegen den Profit zu maximieren, so auch die Aufteilung des Innenhofs Foto: privat/privat

Seit 2022, als das Haus von Investoren gekauft wurde, hat sich dort viel verändert. So wurde beispielsweise der gemeinsame Innenhof durch Holzzäune geteilt und an einzelne Wohnungen vergeben. Davor wurde dieser von allen genutzt, jetzt fühle man sich „wie in einem Keller mit Holzbrett-Parzellen“, so eine Bewohnerin. Auch wurden viele der bestehenden Wohnungen saniert und mit Balkonen versehen, um diese dann teuer neu zu vermieten, ein typischer Fall der Gentrifizierung.

Obwohl die Be­woh­ne­r*in­nen immer noch nicht zurückkönnen, werden in dem Haus Wohnungen auf Webseiten wie Immowelt angeboten. Für bis zu 25 Euro pro Quadratmeter, deutlich über dem Mietspiegel. Es gab auch schon Angebote für 50 Euro pro Quadratmeter.

Diese Wohnungen sind voll möbliert und haben einen befristeten Vertrag, um eine schnelle Fluktuation zu erlauben. Das alles, obwohl die Stargarder Straße seit 2014 als „Soziales Erhaltungsgebiet“ ausgewiesen ist. Diese Gebiete sollen eigentlich einen besonderen Schutz für die bestehende Bevölkerung bieten.

Dass befristeten Verträge meist nicht legal sind, ist vielen Mie­te­r:in­nen unbekannt. Das nutzt der Vermieter aus. Denis Esakov war zunächst ebenfalls befristet und erhielt erst durch die Hilfe des Berliner Mietervereins einen unbefristeten Vertrag. Das allerdings machte ihn bei der Hausverwaltung unbeliebt, sie antworteten nur noch selten, und auch Anfragen auf Reparaturen ließen sie liegen.

Der Verwalter des Hauses ist nicht unbekannt. Bereits 2014 war er in einen ähnlichen Fall, ebenfalls in der Stargarder Straße verwickelt. Die Hausverwaltung Secura hat sich auf taz-Anfrage nicht zurückgemeldet.

In einem Schreiben an die Bewohnerschaft teilte die Hausverwaltung mit, dass der Brand vermutlich durch einen Obdachlosen verursacht wurde. Doch das zweifeln Be­woh­ne­r:in­nen an. Der Raum, in dem das Feuer ausbrach, sei ein verschlossenes Kellerabteil. Die Polizei hat den Fall mittlerweile an die Staatsanwaltschaft übergeben.

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1 Kommentar

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  • "Wenn eine Wohnung aufgrund von Mängeln wie Wasserschäden, Sanierungsarbeiten oder Schimmelbildung völlig unbewohnbar ist, entfällt die Mietzahlungspflicht für die Dauer der Unbewohnbarkeit." § 536 Abs. 1 BGB.



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    Warum die Mieter weiterhin Miete zahlen, verstehe ich nicht. Hier geht es nicht um eine Mietminderung wegen Mängeln, sondern um vollständige Unbewohnbarkeit. KEINE Leistung– KEINE Miete.



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    Weiterhin gilt: " Der Vermieter muss die Kosten für eine angemessene Ersatzunterkunft übernehmen."



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    Einzige Ausnahme: Die Instandsetzungsarbeiten haben noch nicht begonnen. In dieser Zeit tragen die Mieter die Kosten. Im Normalfall sollte es sich dabei aber nur um 24–48h handeln. Der Vermieter muss mit der Reparatur schnellstmöglich beginnen, sonst handelt es sich um Schadensersatzverzug und der Vermieter trägt dann die Kosten für Hotel oder andere Ersatzunterkunft.