: Keine Reparaturwerkstatt
■ Die Berliner Ärztekammer schlägt eine neue „Hochschule für Gesundheit“ vor / Ursachen und soziale Verteilung von Krankheiten sollen erforscht werden
Die medizinischen Fachbereiche an der FU werden künftig vielleicht nicht mehr allein für die Medizinerausbildung zuständig sein. Konkurrenz erwächst ihnen durch eine neue geplante Lehr- und Forschungseinrichtung, die als „Hochschule für Gesundheit“ konzipiert ist. Entsprechende Konzepte liegen bereits auf dem Tisch. So schlägt die Berliner Ärztekammer die Zusammenfassung der entsprechenden Institute und Fachbereiche von FU und TU vor. An der Technischen Universität gibt es bereits eine Arbeitsgruppe, die sich mit der Entwicklung eines Modellversuchs für einen Zusatzstudiengang „Gesundheitswissenschaften“ beschäftigt.
Warum ist in Kreuzberg die Säuglingssterblichkeit so hoch? Warum gibt es im Bezirk Tiergarten mehr Tuberkulose -Erkrankungen als in Zehlendorf oder Neukölln? Fragen, mit denen sich Mediziner bislang nur wenig beschäftigt haben. „In bezug auf die systematische Gesundheitsforschung ist die BRD Entwicklungsland“, erklärt Ellis Huber, Präsident der Berliner Ärztekammer. Ursachen und soziale Verteilung von Krankeiten würden nicht untersucht, im Vordergrund stehe das Bemühen, „Defekte zu reparieren“. Gesundheitsförderung und Krankeitspräventionen spielen in der Medizinerausbildung bislang nur eine untergeordnete Rolle. Diese Defizite soll die neue Lehr- und Forschungseinrichtung abbauen. Vorbild sind die amerikanischen „Schools of Public Health“, die anders als die „Medical Schools“ nicht für die klassische biomedizinische Ausbildung zuständig sind, sondern soziale Verhältnisse und Umwelteinflüsse untersuchen, die zu Krankheiten führen.
Die neue Hochschule soll verschiedene Fachbereiche integrieren: Umwelt- und Sozialmedizin, Sozialpsychologie, Medizinpsychologie und Gesundheitsökonomie. Kernwissenschaft soll die Sozialepidemiologie sein, die sich mit der Krankheitsverteilung in bestimmten Stadtbezirken, Berufsgruppen usw. beschäftigt.
Bei der Umsetzung dieser Pläne scheint derzeit die TU die Nase vorn zu haben. Unter Federführung von Professor Bernhard Badura, Institut für Soziologie, wird der Modellversuch „Gesundheitswissenschaften“ zur Zeit vorbereitet. Vorgesehen ist die Einrichtung eines Postgraduiertenstudiengangs, an dem Mediziner, aber auch Sozialwissenschaftler, Juristen, Wirtschaftswissenschaftler und andere teilnehmen können. Derzeit sind für den Aufbaustudiengang nur 'fertige‘ Akademiker vorgesehen. Im Gespräch ist jedoch auch, die Ausbildung später auch für andere Berufsgruppen im Gesundheitsbereich zu öffnen. Nach dem Vorbild der amerikanischen „Schools of Public Health“ könnte die Ausbildung zwei bis fünf Semester umfassen und mit einem Magistertitel oder einer Promotion abgeschlossen werden. Noch ist nicht klar, ob dafür ein neues Institut gegründet werden wird. Gedacht ist auf jeden Fall an eine Kooperation verschiedener TU-Fachbereiche aus den Natur- und Sozialwissenschaften, dem Institut für Krankenhausbau und Einrichtungen wie dem Wissenschaftszentrum und dem Bundesgesundheitsamt.
„Wenig Sympathie“ bringen laut Jürgen Brückner, Vizepräsident der FU für den medizinischen Bereich, die FU -Mediziner den Plänen der TU entgegen. Für die so ausgebildeten „Gesundheitsarbeiter“ bestünde kein aktueller Bedarf und keine Berufschancen, so Brückner. Es wäre auch zu fragen, ob die TU ohne eigenen Medizin-Bereich die geeignete Hochschule für die Einrichtung eines solchen Studiengangs sei.
Erst im Januar hatte sich der Dekan des Uniklinikums Steglitz, Hans-Joachim Dulce, unterstützt von sechs Professoren in einem Brief an Diepgen für die Auslagerung der FU-Medizin in eine eigenständige „Medical school“ stark gemacht. Das geplante Elite-Institut hatte damals unter den streikenden Studenten zu heftigen Protesten geführt.
-guth
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