■ Keine Einwegspritzen im Knast: Ein Fehler ist ein Fehler
Zähnefletschende Junkies toben mit enthüllten Einwegspritzen durch die Flure der Justizvollzugsanstalt. Aus den Kanülen tröpfelt das dicke Blut der Aids-Infizierten: Häftlingsaufstand in Tegel. Nach den Äußerungen der Justizsenatorin müßte so oder so ähnlich die Apokalypse in der Männervollzugsanstalt aussehen, wenn man den Kriminellen Einwegspritzen aushändigen würde.
Wen wundert es da, daß es so lange gedauert hat, bis der Gesundheitsausschuß des Abgeordnetenhauses gefressen hat, was der gesundheitspolitische Querulant Bernd Köppl (Bündnis 90/Die Grünen) zwei Jahre lang unermüdlich vorgetragen hat: daß die Vergabe von Einwegspritzen im Knast längst überfällig ist. Es bedurfte aber erst einer amtlichen Studie des Tropenmedizinischen Institutes, die besagte, daß die Ausbreitung des HIV-Virus bei drogenabhängigen Strafgefangenen künftig zur Hauptansteckungsquelle für die übrige Bevölkerung zu werden droht. Danach stimmte auch der letzte Spritzengegner im Gesundheitsausschuß der Vergabe im Knast zu. Die Übereinkunft des Ausschusses vom Freitag war dann auch geradezu sensationell. Denn jenseits von Gut und CDU, quer durch alle Parteien, hat der Ausschuß einstimmig gefordert, im Rahmen eines Pilotprojekts Einmalspritzen auszugeben. Doch da hatten die Ausschußmitglieder die Rechnung ohne die Justizsenatorin gemacht. Frei nach dem Motto, daß ein Fehler keiner mehr ist, wenn man bloß hartnäckig drauf beharrt, besteht sie darauf, daß Einwegspritzen sich als Waffen eignen. Um ihre Gutwilligkeit zu beweisen, läßt sie bekanntgeben, daß sie sofort bereit wäre, Spritzen auszugeben – wenn diese sich nicht als Waffen verwenden ließen. Bis dahin aber werden wohl noch ein paar Drogensüchtige im Knast wegen Aids ins Gras beißen müssen. Peter Lerch
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