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„Keine Auffanglager für Unbelehrbare“

Gefälschte amtliche Schreiben über „Deportationen“ sorgen für Empörung bei der jüdischen Gemeinde  ■ Von Bernd Siegler

Nürnberg (taz) – „Wer sich fürchtet, ist auch im Bett nicht sicher.“ Arno Hamburger, Vorsitzender der Israelitischen Kultusgemeinde in Nürnberg, bemüht eine Redewendung seines Vaters, um klarzumachen, daß nicht nur Angst in der jüdischen Gemeinde herrscht. Die Gemeinde, die vor dem Holocaust 9.500 Mitglieder, heute nur noch 400 zählt, wurde durch einen anonymen Brief aufgeschreckt. Unter dem mit dem Bundesadler versehenen Briefkopf des „Bundesamtes für die Anerkennung ausländischer Flüchtlinge“ wurde mitgeteilt, daß sie gemäß eines „Deportationsgesetzes“ sich am „Güterbahnhof“ zum „Abtransport“ einzufinden hätten, könnten sie nicht binnen einer Woche ihre „arische Abstammung“ nachweisen.

Mittlerweile sind der Nürnberger Polizei 13 derartige Schreiben bekannt geworden, die an ein deutsches Ehepaar jüdischen Glaubens und an in Nürnberg lebende Ausländer verschickt worden waren. Die Ermittlungen haben bislang nur ergeben, daß die Briefe am 10. April in Nürnberg aufgegeben worden sind. Der oder die Verfasser haben wahrscheinlich ein echtes Formular der Bundesbehörde als Vorlage verwendet.

Arno Hamburger, der seit 1972 für die SPD im Nürnberger Stadtrat sitzt, ist seit Jahren Drohanrufe und -schreiben gewöhnt. „Das ist ein Rinnsal, das immer läuft.“ Der jetzige Brief stelle jedoch alles in den Schatten, weil er „in seiner Diktion so fatal an die Nazizeit“ erinnere. „Angesichts der prekären finanziellen Lage unserer Nation können und wollen wir uns Ihre kostenintensive Anwesenheit nicht länger leisten“, wird den Empfängern zu Beginn des „amtlichen“ Schreibens mitgeteilt. Dann ist von einem „Ausländer-Rückführungsgesetz“ und einem „Deportationsgesetz“ die Rede. Zum Ende des Schreibens dann eine Anspielung auf die „Endlösung“: „Für ganz Unbelehrbare eröffnen wir keine Auffanglager. Unsere Lösung müssen Sie sich dann selbst zuschreiben.“

Entsetzen und Empörung war die Reaktion nicht nur bei den Mitgliedern der Kultusgemeinde. Auch Bayerns Innenminister Günther Beckstein sprach von einer „infamen Tat“. „Die Täter trampeln in unverhüllt rechtsextremistischer und antisemitischer Weise auf dem Ansehen der Bundesrepublik herum.“ Während das Augenmerk des Innenministers auf das Ansehen der Nation gerichtet ist, hat Arno Hamburger vor allem die älteren Gemeindemitglieder, die die Verfolgung durch die Nazis noch miterlebt haben, im Blick. „Wenn eine Dame mit 84 oder 85 Jahren, die aus einem Lager gekommen war, diesen Brief erhält, dann dreht sie vielleicht durch“, ist seine Befürchtung.

Bei den Jüngeren hat Hamburger keine Bedenken. „Wir haben keine Angst vor denen, wir wissen uns unserer Haut zu wehren“, betont der 71jährige. Gerade deswegen werde es „eine Zeit wie die von 1933 bis 1945 nie mehr geben“.

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