: "Kein zweiter Zufall"
■ Nach Brandanschlag auf äthiopischen Querschnittsgelähmten: Die Mieter haben Angst / Einige vermuten Neonazi als Täter
„Ich glaube nicht an einen zweiten Zufall“, sagt die Ehefrau des querschnittsgelähmten Äthiopiers Nemera Desisa . Über ihre Vermutung, wer am Silvesterabend den vor ihrer Wohnungstür abgestellten Rollstuhl angezündet haben könnte, will weder sie noch ihr 38jähriger Mann sprechen. Beide haben Angst.
Nemera Desisa hat seit 1990 die deutsche Staatsbürgerschaft und lebt seit 1992 mit seinen zwei Kindern in der Märkischen Allee. Nachdem im letzten Jahr seine ABM-Stelle als Ausländerbeauftragter für Marzahn ausgelaufen war, berät er behinderte und nichtbehinderte Ausländer in Marzahn, Hellersdorf und Hohenschönhausen bei Behördengängen. Jetzt überlegt die Familie, die gestern zum ersten Mal im neuen Jahr die Wohnung verlassen hat, ob sie eine andere Wohnung beantragen soll. Bis Desisa einen neuen Rollstuhl bekommt, kann er sich mit dem kleinen Rollstuhl, den er in der Wohnung benutzt, nur bis zum Auto bewegen. „Die Angst ist größer geworden“, sagt er, „aber ich kann doch deswegen nicht zu Hause bleiben. Man lebt wie ein Tier. Wir wollen nur unsere Ruhe und ohne Angst leben.“
Der Flur in der zweiten Etage des 21stöckigen Neubaus in der Märkischen Allee in Marzahn riecht nach Reinigungsmittel. Gestern vormittag hat eine Firma den Boden, Türen, Decken und Wände abgesaugt. Vor der Wohnungstür, wo der 15.000 Mark teure elektrische Rollstuhl gestanden hat, ist der Boden vollkommen verkohlt. Wie auch im Dezember 1993, als der damals neue elektrische Rollstuhl von Desisa vollkommen verbrannte, ist auch diesmal nur das Eisengestell übriggeblieben. Trotz der Reinigung sind die Spuren des Feuers noch deutlich zu sehen: rußgeschwärzte Türen, Wände und Deckenlampen.
Für den Nachbarn, der zwei Türen weiter wohnt und am Samstag die Feuerwehr gerufen hat, steht fest: „Diesmal bestätigt sich eindeutig Brandstiftung.“ Als er der Polizei sagte, daß sich der Brandherd direkt vor der Tür seines Nachbarn befindet, hatte er das Gefühl, daß er nicht „für voll“ genommen wurde. „Die sagten mir, ich solle die Klappe halten.“
Seine Lebensgefährtin ist ebenfalls überzeugt, daß es „kein Zufall“ sein kann, daß zum zweiten Mal ein Rollstuhl des Äthiopiers verbrannte. Als Täter vermuten beide den direkten Wohnungsnachbarn des Äthiopiers, einen bekennenden Neonazi, der Desisa im letzten Jahr mehrere Male bedroht und gegen den dieser Anzeige erstattet hat. Auch „Neider im Haus“ kämen in Frage, die Behinderten keinen Parkplatz gönnten.
Auch die Nachbarin im hinteren Flurteil, die mit einer Rauchvergiftung ins Krankenhaus gebracht werden mußte, geht von Brandstiftung aus. „Mir tut Herr Desisa leid“, sagte sie. Aus Angst, daß es wieder brennen könnte, hat sie gestern eine andere Wohnung beantragt. Auch ihre 82jährige Nachbarin, die ebenfalls eine Rauchvergiftung erlitten hat, will ausziehen. „Das nächste Mal holen sie mich tot hier raus. Ich habe viele Medikamente zum Schlucken da.“ Barbara Bollwahn
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