: Kaum V-Leute, dafür ein bißchen Dududu
■ Wie Bremer Verfassungsschutz und Polizei sich den rund 100 gewaltbereiten rechten Jugendlichen nähern
„Sollen wir hinter jeden Jugendlichen einen Verfassungschützer stellen?“ fragt Bremens oberster Verfassungsschützer Walter Wilhelm genervt. Seit den Gewalttaten gegen AusländerInnen hat sich der Druck auf Polizei und Verfassungsschutz verstärkt. Der Verfassungsschutz hat seine Probleme, die unorganisierte Szene rechtsgerichteter und gewaltbereiter Jugendlicher zu erfassen. Rund siebzig Prozent der militanten Rechten sind nämlich 20 Jahre und jünger. Gegen Leute unter 18 aber dürfe der Verfassungsschutz nicht tätig werden, sagt Wilhelm.
Ohnehin greifen die Taktiken des Verfassungsschutzes hier nicht: Es ist sehr schwierig, verdeckt ermittelnde V-Leute in diese junge Szene einzuschleusen — „ich kann doch nicht einen 17jährigen zum V-Mann machen“, sagt der Chef des Bremer Landesamtes für Verfassungsschutz. Untauglich auch das Mittel, ausstiegswillige Gruppenmitglieder herauszubrechen und auszuhorchen: Die Gruppenfluktuation sei viel zu hoch.
Bleiben also nur Observationen und direkte Gespräche. Dabei scheint Niedersachsen die Nase vorn zu haben: Dort gehen Beamte, meist Familienväter mittleren Alters, ganz offen als Verfassungschützer auf Skins zu und suchen das Einzelgespräch. Sogenannte „Baby- Skins“ sind aber auch hier tabu. Die Bremer Szene scheint nicht so ausgeprägt, gar vernetzt zu sein wie in Hamburg und Niedersachsen. Gewaltbereite Rechte (militante Rechtsextremisten, rechte Skins, Neonazis) gibt es in Bremen laut Verfassungsschutz 100 bis 120, die meisten in losen Zusammenschlüssen. Skinheads, so Wilhelm, seien nur für 30 Prozent der rechtsextremen Gewalttaten verantwortlich.
Eine junge rechte Szene hat das Landesamt für Verfassungsschutz in Woltmershausen, Horn-Lehe, Huchting, Vahr, Kattenturm, Findorff, Blumenthal, Vegesack und Marßel beobachtet. Bemerkbar macht sich übrigens die akzeptierende Jugendarbeit mit rechten Jugendcliquen, die von dem Bremer Professor Franz Josef Krafeld vor etwa zwei Jahren initiiert worden ist. Drei rechtsorientierte Gruppen von Jugendlichen werden derzeit in Horn, Kattenturm und Huchting betreut. „Ich habe den Eindruck“, sagt Hartmut Busch, der bei der Kripo für den Bereich Rechtsextremismus zuständig ist, „daß die Jugendlichen dort unter Kontrolle sind“.
In Findorff hatte sich im Herbst vergangenen Jahres eine Gruppe mit dem Namen „Torfsturm“ regelmäßig in einer Kneipe getroffen, die prompt zwei Mal von autonomen Jugendlichen gestürmt wurde. Die Findorffer Gruppe besteht aus vielleicht zehn jungen Leuten. Ins Freizeitheim gehen sie nicht, dort treffen sich vor allem türkische Jugendliche. Hartmut Busch will den Verein für die Förderung akzeptierender Jugendarbeit und die Sozialbehörde auf diese Gruppe ansprechen. „Unser Konzept ist es ja, die Jugendlichen einzubinden und über die Jahre zu bringen.“
Die Kriminalbeamten selbst sprechen die Jugendlichen durchaus auch selbst an — wenn die zum Beispiel auf der Straße rumgröhlen. Ausweiskontrolle und „ein bißchen Dududu“ seien aber die einzigen Möglichkeiten der Polizei. Nach Einschätzung Buschs sind die rechten Jugendlichen, Skins zumal, seit Mölln, Solingen und der anschließenden öffentlichen Diskussion ohnehin eingeschüchtert. „Die lassen sich alle die Haare wachsen.“ Christine Holch
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