Kanzler-U-Bahn: Graben, graben, graben

Start für den Weiterbau der U 5 vom Roten Rathaus zum Brandenburger Tor. Sieben Jahre wird gebuddelt, massive Verkehrsbehinderungen legen die Stadtmitte lahm.

Modell des künftigen U-Bahnhofs unter dem Roten Rathaus Bild: BVG

Nein, das Rote Rathaus ist nicht umgefallen, als der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) am Dienstag mit einem symbolischen "Bagger-Rammstoß" vor seinem Amtssitz den Weiterbau der U-Bahn-Linie 5 startete. Die Berliner könnten sich darauf verlassen, dass der 2,2 Kilometer lange Verbindungstunnel vom Marx-Engels-Forum über die Straße Unter den Linden zum Brandenburger Tor "kein zweites Köln" werde, betonte Verkehrssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD). Die Bauherrin BVG werde ein Netz von "Sensoren" entlang der Strecke aufbauen, um kritische Erd- und Grundwasserbewegungen zu registrieren. "Sicherheit wird großgeschrieben."

"Risiken bleiben", merkte ein BVG-Mitarbeiter am Rande des Rammstoßes an. Er erinnerte an den Wassereinbruch beim Bau des U-Bahnhofs Brandenburger Tor 2005. 2017, zur Fertigstellung der U 5, die dann vom östlichen Hönow über den Alexanderplatz bis zum Hauptbahnhof fährt, "wissen wir mehr". Die BVG rechnet mit 155.000 Fahrgästen auf dieser Linie.

Die Verlängerung der U 5 nach Westen ist ein alter Traum der Planer. Bereits in den 1920er-Jahren konzipierte Ernst Reuter, damals Verkehrsstadtrat, eine Strecke vom Alexanderplatz nach Charlottenburg. Schon 1930 gebaut, aber bisher nie genutzt wurde das Tunnelstück zum Roten Rathaus.

Zu DDR-Zeiten wurden Pläne verfolgt und dann verworfen, die U-Bahn bis Unter die Linden zu führen. Stattdessen verlängerte man ab 1969 die Strecke "E" Richtung Osten nach Hönow.

Pläne, die U 5 bis nach Tegel zu verlängern, wurden nach dem Mauerfall und wegen der geplanten Schließung des Flughafens zurückgestellt. Die Idee, die U 5 vom Alex über den Reichstag zum Hauptbahnhof zu bauen, blieb aber bestehen.

Auch ohne einstürzende Alt- und Neubauten steht Berlins größtes Verkehrsbauvorhaben der kommenden Jahre vor genug Schwierigkeiten. Die bis dato umstrittene U5-Verlängerung, deren erster Abschnitt bereits im August 2009 als U 55 zwischen Brandenburger Tor und Hauptbahnhof eröffnete, verschlingt rund 433 Millionen Euro, die im Wesentlichen der Bund bezahlt. Verkehrsexperten fürchten, dass die Strecke vom Alex bis zum Brandenburger Tor samt drei neuen Bahnhofsbauwerken teurer werden. Bis 2001 hatten sich Mitglieder der SPD- und Grünen-Fraktionen gemeinsam gegen die "unsinnige" Planung der parallel zur S-Bahn verlaufenden "Kanzler-U-Bahn" gewehrt.

Zudem werden sich nach Ansicht von Wowereit und BVG-Chef Andreas Sturmowski sowohl die Berliner als auch Besucher in Mitte auf Baustellen, Lärm- und Verkehrsbelästigungen "in nicht geringer Dimension" einstellen müssen. So werde die "erste große Baugrube" für den U-Bahnhof "Berliner Rathaus" ab April 2011 vor dem Roten Rathaus entstehen. Im gleichen Jahr soll mit den offenen Baugruben für die U-Bahnhöfe "Museumsinsel" am Deutschen Historischen Museum (DHM) und "Unter den Linden" begonnen werden.

Wowereit und Junge-Reyer wiesen darauf hin, dass die umfangreichsten Arbeiten neben dem Schacht für den Tunnelbohrer am Marx-Engels-Forum - der die Umsetzung der Marx-Engels-Plastik nötig macht - "hauptsächlich am Kreuzungsbereich Unter den Linden und Friedrichstraße stattfinden werden". Weil der neue Bahnhof unter die bestehende Nord-Süd-Trasse der U 6 in 25 Meter Tiefe verlegt werden müsse, seien hier in Folge der Baustelle langwierige oberirdische Sperrungen nötig.

Ab April 2012 werde zudem die U 6 wohl für elf Monate an dieser Stelle unterbrochen, so Junge-Reyer. Trotzdem hofften die BVG und Baufirmen, "dass die Belästigungen in dem sensiblen Bereich auf ein Minimum reduziert werden kann", erklärte die Sprecherin der BVG.

Als sensibel darf auch der Bereich des Humboldt-Forums bezeichnet werden, den die U 5 diagonal bis zum DHM unterfährt. Erst wenn die Bodenplatte für das rekonstruierte Stadtschloss gebaut ist, kann in 20 Meter Tiefe die Tunnelröhre gebuddelt werden, erinnerte die BVG. Verzögerungen beim Schlossbau könnten sich also negativ auswirken.

Weit weniger laut und auffällig wird die Tunnelgrabung für die 6,5 Meter breite U-Bahn-Röhre sein. Diese fräst sich ab 2013 unterirdisch per Schildvortrieb durchs Erdreich. Bis zu dieser Bauphase gehört das Areal vor dem Rathaus den Archäologen und den Grabmeistern des Landesdenkmalamtes. Denn wo sich heute die Freiflächen des Marx-Engels-Forums und des Rathausplatzes dehnen, stand das historische Berlin. Ab 2017, freute sich Junge-Reyer am Dienstag, sei mit der Lückenschließung im Nahverkehrsnetz "diese historische Mitte noch besser erreichbar".

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