Kanupolo auf dem Maschsee: Mehr Unkraut als Lorbeer

Bei Kanupolo-Duellen kollidieren ständig Boote, Kentern gehört dazu. Ein Sport mit viel Action – nur die Zuschauer fehlen.

Zwei Spieler in Kanus kämpfen um den Ball

Bis die Carbon-Paddel brechen: Kanupolo-Spieler kämpfen um den Ball. Foto: dpa

HANNOVER taz | Seine Hände sehen geschunden aus. Schrammen und Prellungen an den Fingern sind für Malte Weymann alltäglich. Wenn er mit der Hand oder dem Paddel zum Torwurf ansetzt, wird es um ihn herum hektisch und laut. Beim Kanupolo darf mitten auf dem Wasser kräftig geschubst und gedrängelt werden.

„Für die Zuschauer ist das gut. Wer bei uns den Ball hat, wird attackiert und geschubst“, sagt Weymann. Der 27-Jährige gehört dem Bundesligateam des RSV Hannover an. Eigentlich mag er seine Sportart so gern, dass deren Außenwirkung und die Zuschauerzahlen für ihn zweitrangig sind.

Andererseits ist eine Randsportart wie Kanupolo auf Publikum, mediale Aufmerksamkeit, Sponsoren und bessere Rahmenbedingungen angewiesen, wenn sie im Wettstreit mit den etablierten Sportarten nicht dauerhaft absaufen will.

Kanupolo ist wie Schach

Den Mannschaftsport Kanupolo gibt es seit 1926 in Deutschland – allerdings haben sich die Regeln seither verändert.

Heute treten zwei Mannschaften mit je fünf Spielern gegeneinander an. Jeder Spieler sitzt in einem eigenen Kajak und versucht, den Ball mit der Hand oder dem Paddel ins Tor zu bugsieren.

Einen festen Torwart gibt es nicht. Das Tor liegt in zwei Metern Höhe über dem Wasser.

Das Feld ist 23 Meter breit und 35 Meter lang. Die Linien werden mit Schwimmleinen gezogen.

Das Spiel ist schnell. Der Ball muss innerhalb von fünf Sekunden abgegeben werden.

Körperkontakt mit dem Gegner ist eigentlich verboten. Geschubst werden darf nur der, der den Ball hat – damit er kentert.

Wenn sich das RSV-Team zweimal pro Woche am Südufer des Maschsees auf Turniere und Bundesligaspieltage vorbereitet, wird viel gelacht und getüftelt. Kanupolo-Spieler taktieren wie Schachspieler. Sie sind ständig damit beschäftigt, ihre Einerkajaks so geschickt zu manövrieren, dass ihrem Kontrahenten möglichst wenig Raum zur Entfaltung bleibt. Selbst in einem simplen Trainingsspiel gibt es ständig Kollisionen.

Die mehr als 300 Euro teuren Paddel aus Karbon brechen nicht selten. Beim Kanupolo duellieren sich die Teams ähnlich wie beim Handball – nur mit dem feinen Unterschied, dass ihre Tore in luftiger Höhe hängen und das Spielfeld in diesem Fall im trüben Maschsee liegt.

An Land kämpfen in Sichtweite des Stadions von Hannover 96 Jogger, Inlineskater und Fahrradfahrer um ihre Ideallinie. Die Schwimmer ärgern sich über den Kot von Wildgänsen, den es im Wasser zu umkurven gilt. Wenn die Kanupolo-Könner erst mal in ihre wendigen Einerkajaks gestiegen sind und Helm und Schutzweste angelegt haben, stört sie nichts mehr.

Manchmal sind Rufe von Ruderern, Drachenbootfahrern oder Seglern zu vernehmen. Die Spieler lassen sich nicht ablenken, sind auf den Ball fokussiert. Sie nehmen ihre Sportart ernst, haben aber kaum Zuschauer.

Von Land aus sieht Kanupolo für Laien zwar ganz nett, aber irgendwie doch ziemlich exotisch aus. Die Elite des Kanusports hat sich in die Schlange jener Sportarten eingereiht, die auf bessere Zeiten hoffen. Sie alle bekämen vor allem dann Oberwasser, wenn es gelänge, bis in den elitären Kreis der olympischen Spiele vorzustoßen.

„Wir schaffen die notwendigen Strukturen, um professioneller zu werden“, sagt Björn Wende. Der frühere Coach des RSV ist seit Herbst vergangenen Jahres Kanupolo-Bundestrainer. Er versucht auf ehrenamtlicher Basis, mit Hilfe von Laktat-Diagnostik, bei der die Leistungsfähigkeit von Sportlern getestet wird, und Physiotherapie möglichst gute Bedingungen für die Hauptdarsteller seiner Lieblingssportart zu schaffen.

Dass Deutschlands beste Kanupolo-Spieler, zu denen auch drei Akteure des RSV Hannover gehören, nicht nur ihre Flüge zu Weltmeisterschaften, sondern auch ihre Trainingsanzüge selbst bezahlen müssen, ist ein Nachteil, den sie mit vielen Randsportarten teilen.

Man kann das bejammern und verfluchen – oder einfach weitertrainieren. „Für mich ist Kanupolo trotz des hohen Aufwands ein Hobby. Aber es ist eben auch Leistungssport“, findet RSV-Stammspieler Weymann.

Auf die Frage, was ein Kanupolospieler können muss, gibt er eine praktische Antwort: Weymann taucht seitlich ins Wasser ein und dreht sich mit seinem Kajak um die eigene Achse. Der Maschsee ist dafür bekannt, relativ warm, ziemlich schlammig und von stattlichen Karpfen bewohnt zu sein. Macht nichts.

Weymann führt trotzdem aus dem Stand heraus vor, wie man sich beim Kanupolo entweder aus einer brenzligen Lage befreit oder aber auf einen deftigen Schubser im Rahmen eines Zweikampfes reagiert. Man taucht ab.

Training trotz Blaualgen

Die Rolle mit Boot beherrscht er längst so sicher wie das Schalten beim Autofahren. Wasser und Schlamm stören ihn kaum noch. Wenn die Badegäste im benachbarten Strandbad wegen einer Blaualgen-Warnung das Wasser meiden, gehen die Kanupolo-Spieler trotzdem rein.

Ein bisschen Galgenhumor ist dabei: Den Hinweis, dass man ihre schöne Sportart auch im Regen betreiben kann, weil man ohnehin ständig nass ist, können sie sich nicht verkneifen.

Man dürfe eben nur nicht am Nischendasein verzweifeln, finden sie. In Deutschland gehört der RSV Hannover zur Elite. Die deutsche Nationalmannschaft zählt als Vize-Weltmeister und Europameister zur Weltspitze. Der Lohn dafür sind kaum sichtbare Lorbeeren, aber jede Menge Unkraut an Boot und Paddel.

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