Kampf um die Konzertbühnen

Der Trend geht zum Club

Konzertveranstalter suchen vermehrt festen Zugriff auf Konzertbühnen: Konkurrenz und Konzentrierung im Berliner Livegeschäft.

Oliver Sim von The XX

Die Musiker im Licht, die Konzertveranstalter und deren Strategien sieht man eher nicht Foto: dpa

Das Quasimodo ist ein altehrwürdiger Club in Charlottenburg, bekannt für gepflegten Jazz und Popmusik der eher nicht so wilden Sorte. Das wird sich langsam ändern, denn im März dieses Jahres begann die „exklusive Booking-Kooperation“, die das Quasimodo mit Trinity Music vereinbart hat, einem Konzertveranstalter, der sich in Berlin vor allem einen Namen im Segment Indierock gemacht hat. „Wir haben den Laden renoviert und neu gestylt“, erklärt Thomas Spindler, Inhaber von Trinity Music, die in Zukunft für einen großen Teil des Programms im Quasimodo verantwortlich sein wird.

Typisches Quasimodo-Programm wird es also in Zukunft in dem Club genauso geben wie den Rock von Trinity. Profitieren sollen von der neuen Partnerschaft, so Spindler, beide Seiten. Das Quasimodo bekommt sein etwas angestaubtes Image aufgefrischt und Trinity einen Ort, den der Konzertveranstalter einfach kalkulierbar in die eigene Planung einbeziehen kann.

Eigentlich wollte Spindler auch den insolvent gegangenen Treptower Club White Trash übernehmen. Gemeinsam mit dem Radiosender Flux FM und dem White-Trash-Betreiber Walter Potts bemühte man sich um den Ort, der dann jedoch im Insolvenzverfahren an die Macher des Festsaals Kreuzberg ging, der nun seit Januar in Treptow beheimatet ist. „Es geht darum, sich unabhängig zu machen“, erklärt Spindler und spricht von einem „Kampf um die Räume“ im boomenden Konzertgeschäft in Berlin.

Live groß im Geschäft

Circa eine Milliarde Euro erwirtschaftet die gesamte Berliner Musikindustrie inzwischen jährlich, so Lutz Leichsenring, Sprecher der Berliner Clubcommission. Aktuelle Zahlen, wie viel davon genau auf den Livesektor entfällt, gebe es nicht. Aber Fakt ist, dass in keinem Sektor der deutschen Musikwirtschaft insgesamt mehr umgesetzt wird als im Konzert- und Clubgeschäft.

Der bundesweit größte Konzertmarkt ist klar Berlin mit seinen geschätzt 400 Veranstaltungsorten. Allein Trinity mit seinen etwa 50 Mitarbeitern veranstaltet im Jahr um die 600 Konzerte in Berlin, ungefähr zwei Drittel davon, so Martin Rabitz von Trinity, seien „Clubkonzerte in der Größenordnung 350 bis 1.500 Besucher“, ein Drittel seien noch größere Liveevents. Dazu kommen viele größere und kleinere Veranstalter, die andauernd auf der Suche nach passenden Orten für die Auftritte ihrer Musiker sind. Da liegt die Strategie nah, sich als Konzertveranstalter an Clubs zu beteiligen.

Auch in Huxley’s Neuer Welt und im Columbia Theater steckt Spindler von Trinity bereits mit drin. Den einen Laden betreibt er, im anderen fungiert er als Gesellschafter, und er sagt, er sei gerade an „zwei bis drei weiteren Läden in Berlin“ dran für weitere Beteiligungen seiner Agentur.

Nach der Wiedervereinigung gab es in Berlin diesen „Kampf um die Räume“, von dem Spindler spricht, noch nicht. Kleine Konzertveranstalter wie Ran Huber fanden vor allem im Ostteil der Stadt immer wieder neue Orte, an denen sie ihre Bands auftreten lassen konnten. Das war in dieser Nische mehr von Leidenschaft denn von Geschäftssinn getragen.

Diese Zeiten sind vorbei, glaubt Sebastian Hoffmann, der als Teil des Fourtrack-on-Stage-Kollektivs hauptsächlich kleine Indiefolkkonzerte im Schokoladen in Mitte organisiert. „Die Konzertlandschaft in Berlin hat sich im Vergleich zu damals schon kommerzialisiert“, sagt er.

Man kann auch sagen: professionalisiert. Läden, in denen beispielsweise kein Vorverkauf für Konzerttickets stattfinde, wie das im Schokoladen oder im West Germany immer noch der Fall ist, gebe es kaum noch in Berlin, so Hoffmann.

Indiespirit in der Stadt

Noch scheint das Miteinander von Clubs und Konzertveranstaltern gut zu funktionieren in Berlin. Norbert Jackschenties, der Betreiber des Privatclubs im Kreuzberg, meint: „Ich habe zwar nur einen kleinen Club, es läuft aber trotzdem ganz gut.“ Genauere Umsatzzahlen möchte er freilich nicht nennen.

Sein Erfolgskonzept klingt simpel: „Wichtig ist, dass man es gut macht. Und mit Liebe.“ Dann würden die Berliner Bookingagenturen immer wieder auf einen zurückkommen. Außerdem profitiere jemand wie er davon, dass es im Livegeschäft in der Größenordnung, in der er sich bewegt, immer noch so etwas wie einen Indiespirit gebe in der Stadt.

Manche Bands könnten bereits in größeren Hallen auftreten, würden jedoch immer noch dem Privatclub die Treue halten. „Nicht nur die Veranstalter entscheiden, wo ihre Musiker auftreten, sondern auch die Musiker selbst“, sagt Jackschenties.

Auch Andreas Oberschelp von der kleinen Kreuzberger Konzertagentur Puschen sagt, er merke von einer zunehmenden Konkurrenz und gleichzeitiger Konzentrierung im Berliner Livegeschäft noch wenig. Meint aber auch: „Ich habe schon das Gefühl, dass ich den Druck, der im Berliner Livegeschäft durchaus zunimmt, bald spüren werde.“ Anfang der nuller Jahre hat Oberschelp damit begonnen, unbekannte Kleinstbands für Auftritte in Berlin zu buchen. Die Gagen waren gering, das Risiko damit auch. So mancher Musiker pennte zur Kostenersparnis auf seiner privaten Couch, so Oberschelp. Damit kam er einigermaßen über die Runden. Inzwischen läuft sein Business richtig gut, es habe sich, so drückt er das aus, „konsolidiert“.

Bei neuen, coolen Bands, meistens aus den USA, greift Oberschelp schon zu, noch bevor größere Agenturen von diesen überhaupt gehört haben. Das Publikum in Berlin scheint jedoch offen genug, Konzerte junger Hipsterbands zu besuchen, auch wenn deren Namen noch nicht in der Spex aufgetaucht sind. Immerhin besteht Puschen inzwischen schon aus einem dreiköpfigen Team.

Bleibt die Frage, wann der Druck auf die Kleinen im Berliner Konzertgeschäft kommt, von dem Andreas Oberschelp spricht, wenn die Größeren im Business weiter den Berliner Konzertmarkt nach ihren Interessen umgestalten.

Dass inzwischen mit härteren Bandagen gekämpft wird im Livegeschäft, das hat nicht zuletzt das öffentlich ausgetragene Gezerre um das White Trash gezeigt. Auch das Astra in Friedrichshain, das Bi Nuu und das Lido in Kreuzberg werden zudem seit einiger Zeit von einer eigenen, zu den drei Clubs gehörenden Agentur, von Direct Booking, betreut. Und das Musik & Frieden im ehemaligen Magnet in Kreuzberg ist der Hausclub der noch relativ jungen, aber schon ziemlich großen Agentur Landstreicher.

All diese Läden haben immer noch Kapazitäten für externe Bookingagenturen, aber das Bestreben, sich möglichst unabhängig zu machen, von dem auch Thomas Spindler von Trinity Music spricht, ist doch erkennbar. Unabhängige Clubbetreiber könnten das genauso zu spüren bekommen wie die kleinen Bookingagenturen.

Spielwiesen für Nachwuchs

Auch scheint bei diesen Versuchen, das Livegeschäft immer stärker zu optimieren, niemand so recht an den Nachwuchs zu denken. Läden wie das nicht mehr existierende Antje Øklesund in Friedrichshain, das freie Spielwiese war auch für unbekannte Berliner Bands, sind inzwischen Mangelware.

„An nichtkommerziellen Konzerträumen für 100 bis 200 Besucher, in denen Bands auch laut sein und mit Schlagzeuger spielen dürfen – da gibt es neben dem Schokoladen, dem Acud und dem Ausland kaum noch etwas in Berlin –, besteht dringend Bedarf“, sagt Sebastian Hoffmann. Dabei muss ja jede Band mal irgendwo vor kleinem Publikum beginnen, die später mal eine große Nummer im Livegeschäft werden soll.

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