KOMMENTAR DIE WOCHE: Wie ging es Ihnen, Herr Küppersbusch?

Friedrich Küppersbusch erklärt uns an dieser Stelle immer die Welt. Heute erzählt er von seiner Jugend.

taz: Herr Küppersbusch, was war schlecht in Ihrer Jugend?

Friedrich Küppersbusch: Die Ungeduld.

Was wird besser im Alter?

Die Frisur.

Opa erzählt traditionell vom Krieg. Und Sie?

Hatte keinen Opa. Von einem gab es einen Brieföffner, gearbeitet aus dem Granatsplitter, der ihm den Arm aufgeschlitzt hatte. Ein Onkel war so präsent, dass man ihm bei Familienfeiern einen Stuhl frei hielt, obwohl er seit 44 vermisst wurde. So was von vermisst! Die Generation der Väter, also die heute 75- bis 80-Jährigen, die Pimpfe und Hitlers letztes Aufgebot, erzählte gar nichts. Meinem Papa schrumpfte sein Kindsoldatenschicksal auf ein, zwei Anekdoten zusammen, ein steifes Bein und nachts nicht schlafen können.

Friedensbewegung, Anti-Atomwaffen, gegen Nato-Nachrüstung: Der "Krefelder Appell" und die Demos in der Bonner Hofgartenaue gingen schnell in die Hunderttausende. Und handelten ja auch davon, dass wir die zwingende Konsequenz aus der Epoche unserer Väter und Opas ziehen wollten. Die das dann als linken Krawall abtaten. Anfang der 80er gab es erstmals deutschsprachige nicht peinliche Rockmusik, die Grünen und auch die taz waren unterwegs, die 68er hatten die Bude gelüftet und … na ja … hört ruhig weg … der Opa erzählt vom Frieden.

Sauer, nicht zu den "legendären 68ern" gezählt zu haben?

Nee, die gingen einem ungeheuer auf die Nerven. Wenn man seinen Marx nicht vollständig memorieren konnte, durfte man auch keine Meinung zu Atomkraft haben. Und indem man als Schülersprecher erst mal eine SV-Kneipe anstrebte, half man ja im Grunde, das Schweinesystem erträglich zu machen. Alles außer Weltrevolution nächsten Dienstag war Verrat.

Waren Sie Popper, Rocker, Späthippie oder Protopunk?

Ja.

Die Siebziger werden gerne als "bleierne Zeit" beschrieben.

Am Anfang wollte Brandt "mehr Demokratie wagen", am Ende Schmidt mehr Volkswagen. Beide machten den "Radikalenerlass" mit: Ein paar DKPler durften nicht Briefträger noch Lehrer werden - Millionen Menschen wurden eingeschüchtert, ihre Meinung zu sagen. An Bayerns Schulen durfte man keinen "Stoppt Strauß"-Button am Parka tragen. Die RAF holte das Schlechteste raus aus diesem Staat, der jeden Abend an hundert Orten mit vorgehaltener Waffe Autofahrer aufhielt. Hinzu kam die "Ölkrise" und die erste Pause im Wirtschaftswunder. Dazu passte der "Macher" Schmidt: Erst das Fressen, dann die Moral - stellte er 68 im Auftrag der Sozialdemokratie wieder auf den Kopf.

Andreas Baader - irgendwie cool, unheimlich oder nur blöd?

Spinner. Die Anwälte der RAF hingegen - Schily, Ströbele, Mahler - und ihre unerschrockene Haltung gegen den repressiven Staat waren popstartauglich. Was einem eine Warnung vor dem Popstarprinzip sein sollte.

Hand aufs Herz: Hätten Sie Helmut Kohl zugetraut, einmal einer "Ära" den Namen zu geben?

Ich bin froh, dass er an seiner Parteispendenlüge festhält. Sonst müsste ich ihn noch mehr als letzten Friedenskanzler loben. Kohl interessierte sich für Macht, Geißler für Gesellschaft, und gemeinsam waren sie unerträglich. Erst Ole von Beust und Angela Merkel beweisen, dass Kohls "geistig-moralische Wende" gescheitert ist, er konnte 68 nicht zurückholen. Ein Kohl, der "keine Soldaten dorthin" schickte, "wo der Wehrmachtsstiefel stand", ist mir lieber als ein Fischer, der die Bundeswehr zum bewaffneten Arm von Rupert Neudeck umlügt. Das ist ein schändliches Scheitern meiner Generation.

Was war Ihre erste Wahl?

Die ortsbekannte einzige DKP-Wählerin starb kurz vor meinem 18. Geburtstag. Ich hatte den Ehrgeiz, der Lokalzeitung den Verzicht auf die DKP-Spalte am Dienstag nach der Wahl zu versauen. Hat geklappt.

Damals gabs noch keine Computer, nicht einmal Skateboards. Wie um Himmels willen vertrieben Sie sich die Zeit?

Wir haben das Chillen erfunden.

Aber das Fernsehen gabs doch schon …Samstags nachmittags die wacklige Antenne so halb aus dem Fenster gehängt, dass wir holländisches Fernsehen und dort "AVROs Top Pop" sehen konnten. Eine Stunde Videoclips, durchsetzt mit Permanenzkarnevalisten und dem Schlumpfenlied. Man hatte ja sonst nichts.

Verraten Sie Nachgeborenen bitte drei Platten aus den Siebzigern, die den test of time bestanden haben.

"Ball Pompös", Udo Lindenberg & das Panikorchester, 1974. "Autobahn", Kraftwerk, 1974. "Siren", Roxy Music, 1975.

Und wie war das mit Borussia Dortmund?

Schlimm. Zweite Liga! Also 72 Abstieg, 76 zurück in die Erste. Manche sagen, dass der BVB danach zehn Jahre die beste Zweitligamannschaft in der Ersten Liga war, und das hat viel zum Underdog-Ruhm beigetragen, der bis heute nachwirkt.

FRAGEN: ARNO FRANK

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