KOLUMNE "Immer bereit": Eingeschränkte Sprachkompetenz
Segen und Fluch des Berliners (auch der Berlinerin!) ist bekanntlich, dass man aus dem Kaff nie rauskommt, weil alle anderen so gerne zu Besuch sind. Besonders Reisen zu Freunden nach Skandinavien kann man sich sparen. Die sind ja ständig hier. Das ist natürlich sehr schön und freut einen als Freund und als Freundin, aber es trägt nicht gerade zur Fremdsprachenkompetenz der hiesigen Bevölkerung bei.
Ich habe Skandinavistik studiert, komme aber nie dazu, meine mickrigen Sprachkenntnisse anzuwenden, weil die Norweger, Dänen und Schweden alle dermaßen perfekt Deutsch sprechen, dass man sich doch nur zum Obst machen würde.
Als ich das letzte Mal in Göteborg war, wollte ich vor meinem Freund angeben, indem ich das Busticket vom Flughafen in die Innenstadt auf Schwedisch kaufte. Der Busfahrer lauschte meinen Worten mit vor Konzentration verkniffenem Gesicht, dann sagte er: „You want a ticket, yes?“ Ich nickte kleinlaut und setzte mich beschämt in die letzte Reihe. Paul versuchte mich zu trösten, der Busfahrer habe doch immerhin verstanden, was ich wollte. „Das ist der Flybussen, Paul!“, sagte ich traurig, „Der fährt nur die eine Strecke. Er hätte auch verstanden, was ich will, wenn ich ihm ’Alle meine Entchen‘ vorgesungen hätte.“
Manchmal fahre ich BVG, um mein Hörverständnis zu schulen. In U 2, U 8 und M 1 gibt es eine dänische Schulklasse, der man zuhören kann. Wenn die bloß nicht so nuscheln würden!
Heute kommen Marit und Arne nach Berlin. Die beiden sind Dramaturgen und wohnen in der dänischen Provinz. Mindestens dreimal im Jahr sind sie in Berlin und gehen dann jeden Abend ins Theater.
Die Ferienwohnung, in der sie diesmal wohnen, ist eine exakte Kopie meiner ersten eigenen Ein-Zimmer-Hinterhausbude, mit düsterem Berliner Zimmer, Miniküche und Innenklo. Da war ich im Jahr 2000 unglaublich stolz drauf. Alle meine Freunde hatten das Klo halbe Treppe, nur ich konnte im Warmen kacken. Apropos warm: In der Ferienwohnung von Arne und Marit ist natürlich keine Ofenheizung. Balkon an der Küche haben sie auch nicht. Und die Dusche ist nicht so verschimmelt wie meine damals.
„Weißt du, was wir hier zahlen?“, fragt Marit begeistert. Ich überlege. Meine Wohnung am Helmholtzplatz kostete damals ungefähr 300 Mark im Monat. Plus 350 einmal im Jahr für zwei Tonnen „Rekord“-Briketts zum Heizen. Mit Preissteigerung, Umrechnung und Gentrifizierung – ich rechne. „300 Euro die Woche?“, rate ich. Marit sieht enttäuscht aus. „450“, sagt sie. Das sei „wahnsinnig günstig“, denn: „Andere bezahlen bis zu 700 Euro die Woche für so eine Wohnung.“ 700 Euro. Mir wird kurz schwindelig. Dann fällt mir ein, dass ich noch nie in Skandinavien in einer Ferienwohnung gewohnt habe, immer bloß in Gästezimmern für umsonst. Als ich Marit damals kennengelernt habe, in Bergen in Norwegen bei einem Jugendtheaterfestival, konnte ich kaum den Kaffee bezahlen, den wir dort pausenlos getrunken haben. Und Kaffee ist bekanntlich das wichtigste Grundnahrungsmittel der Skandinavier. Den gibt es überall in rauen Mengen und für dortige Verhältnisse umsonst. Immerhin kann ich den sowohl auf Norwegisch bestellen: „Jeg vil ha en kopp kaffe“, als auch auf Schwedisch: „Jag vill ha en kopp kaffe.“
Zehn Jahre Studium waren nicht verschwendet.
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