: K O M M E N T A R Moderne Unzeiten
■ Nichts gegen Kultur, aber leise muß sie sein
Das waren noch Zeiten, als man in der Bremer Neustadt noch unter sich war und pünktlich zum Ende von Schicht und Gleitzeit nur ein paar verstohlene Herr-schaften mit hochgeschlagenem Mantelkragen sich an der Nachbarschaft vorbei über den Neustadtswall mogelten: Leise, nachmittags und selbstverständlich das Auto zwei Wohnblocks weiter geparkt schlich man ins Modernes zu „Unterm Röckle stößt das Böckle“. Und spätestens wenn Mutti im Fernsehen „Was bin ich“ abdrehte, zog Pappi im Kino den Reißverschluß hoch. Da herrschten noch nächtliche Ruhe und familiäre Ordnung in der Neustadt.
Wo früher einheimischer Klemm-Porno geboten wurde, tanzen inzwischen zugereiste Kids die Wochenendnächte durch. Daß Anwohner derweil schlafen wollen, ist verständlich, aber kaum ein unlösbares Problem. Jedenfalls dann nicht, wenn aller Ehrgeiz, der bislang auf den Rausschmiß der Disco-Kids verschwendet worden ist, auf vernünftige Kompromisse verwendet worden wäre. Den Modernes-Besuchern wäre sicher beizubringen, ein paar Schritte zum Auto zu laufen, während die Anwohner zuhause in aller Ruhe die Sau rauslassen und nach dem RTL-Porno ganz leise ins Bett gehen.
Klaus Schloesser
Gemeinsam für freie Presse
Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Dank Ihnen haben wir nun die 50.000 erreicht. So viele unterstützen freiwillig und regelmäßig. Noch nicht dabei? Werden Sie jetzt Teil der Community! Jetzt unterstützen