Jugendknast: Ein Zaun, den keiner braucht

Berlins Justizsenatorin will Jugendliche im Gefängnis in Plötzensee mit einem zusätzlichen Zaun an der Flucht hindern. Dabei flieht niemand. Experten sprechen von Geldverschwendung.

Wegen der Zustände in der Jugendstrafanstalt in Plötzensee war Justizsenatorin Gisela von der Aue (SPD) öffentlich in die Kritik geraten. Damit die Insassen nicht weiter über die Knastmauer mit Handys versorgt werden, ließ sie vor 120 Zellenfenstern engmaschige Zusatzgitter einbauen. Aber die Handys finden auch so ihren Weg in den Knast. Nun will von der Aue eine zusätzliche Zaunanlage installieren lassen.Vollzugsexperten sprechen von überflüssigem Aktionismus. Mit dem Geld solle man besser mehr Arbeits- und Bildungsangebote schaffen.

Noch ist von dem neuen Zaun in der Jugendstrafanstalt in Plötzensee nichts zu sehen. Lediglich ein paar rot-weiße Pfähle markieren die Strecke, an der das fünf Meter hohe Drahtgeflecht auf der Innenseite der Knastmauer entlangführen soll. 950.000 Euro sind für die zusätzliche Sicherungsmaßnahme veranschlagt. Vollzugsexperten halten das Vorhaben für gänzlich überflüssig und sprechen von rausgeschmissenem Geld. "Davon sollte man lieber neue Stellen und Bildungsangebote für die Inhaftierten finanzieren", sagt die Vorsitzende des Anstaltsbeirats, Annette Linkhorst.

Der "Spring-nicht-raus-Zaun" sei erforderlich, "weil sich die Klientel verändert hat", sagte Daniel Abbou, Sprecher von Justizsenatorin Gisela von der Aue (SPD), am Montag bei einem Presserundgang durch den Jugendknast. Ob das heiße, dass die jugendlichen Insassen immer schlimmer würden, wollten die Journalisten wissen. Das könne man so nicht sagen, verwahrte sich der Anstaltsleiter Marius Fiedler gegen eine Pauschalisierung. Gewalttäter, auch Mörder, habe es schon immer gegeben. Was größer geworden sei, sei die Perspektivlosigkeit der Jugendlichen. Auch die Respektlosigkeit und die psychischen Auffälligkeiten hätten zugenommen. Täuschte der Eindruck, oder schwang in Fiedlers Worten eine feine Kritik an dem Zaunprojekt mit? Denn was soll ein Antifluchtzaun gegen psychische Auffälligkeiten helfen?

"Der Zaun ist purer Aktionismus der Justizsenatorin, um nach den Negativschlagzeilen vom Vorjahr um die Jugendstrafanstalt zu punkten", ist Anstaltsbeirätin Linkhorst überzeugt. Seit 1996 habe es nur einen einzigen Ausbruchversuch gegeben. Und der sei auch gescheitert, weil sich der Insasse dabei beide Beine brach. Der junge Mann hatte versucht, von einem Dachvorsprung über die Mauer zu springen. "Ein Zaun hätte das auch nicht verhindert." Martialische Abschreckung, so Linkhorsts Kritik, die nach Information der taz von Bediensteten des Jugendknasts geteilt wird, gehöre nicht nicht zum pädagogischen Konzept der Anstalt. Der Zaun werde an der mangelhaften Ausbildungs- und Betreuungssituation nichts ändern, sagt auch der rechtspolitische Sprecher der Grünen im Abgeordnetenhaus, Dirk Behrend. Die Justizsenatorin verweist auf einen Fluchtversuch vom Vorjahr, bei dem eine Leiter von außen auf das Anstaltsgelände geworfen worden war. Passiert war nichts.

Von der Aue war im August 2007 in die Kritik geraten, weil vermehrt Handys über die Knastmauer geworfen wurden. Als Reaktion ließ sie vor 120 Zellenfenstern engmaschige Zusatzgitter anbauen. In diesem Jahr wurden 123 Handys bei Besucherkontrollen beschlagnahmt. Wie sagte Anstaltschef Fiedler am Montag so schön? 100-prozentige Sicherheit zu wollen sei Illusion.

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