Jürgen Köster über seinen Psychatrie-Film: "Wir sind ein Lowlowlow-Projekt"

In Bremen kommen mit dem "Tanz mit dem Einhorn" gleich "Sieben Geschichten der anderen Art" ins Kino. Ein Film mit Psychatrie-Erfahrenen, der Klischees aufbrechen soll.

Szenen einer Ehe: In einer der sieben Geschichten geht durch den Afghanistan-Einsatz des Mannes die Beziehung in die Brüche. Bild: Ciné-ci

taz: Herr Köster, Sie sind Produzent und Regisseur von "Sieben Geschichten der anderen Art". Welche Art von Klischee wollen Sie mit diesem Projekt thematisieren?

Jürgen Köster: Nach Mordfällen ist regelmäßig von psychisch kranken Tätern die Rede. Aber es gibt auch jede Menge anderer Klischees, denen wir das Erfahrungswissen der Betroffenen entgegensetzen wollen. Psychische Erkrankungen haben extrem viele Facetten: Es gibt Menschen, die sitzen abends in der Kneipe wie jeder andere auch und fühlen sich wohl, werden morgens aber von irgendwelchen Stimmen beschimpft. Oft haben sie erfolgreiche Strategien entwickelt, mit diesen Belastungen umzugehen.

Sie verstehen den Film als "integratives Projekt", bei dem Psychiatrie-Erfahrene und -Unerfahrene sowohl vor als auch hinter den Kameras agieren. "Subjekt statt Objekt" zu sein ist ein klarer Anspruch. Aber was bedeutet das für die technische Umsetzung eines Filmprojekts?

"Tanz mit dem Einhorn" entstand in Kooperation mit der Bremer "Initiative zur Sozialen Rehabilitation", die nach der Auflösung der Langzeitpsychiatrie Kloster Blankenburg gegründet wurde und "Ex-In".

"Ex-In" ist ein EU-gefördertes Projekt zur Qualifizierung von Psychiatrieerfahrenen: Menschen, die eine psychische Erkrankung erlebt haben, werden als ExpertInnen für diese existenzielle persönliche Erfahrung angesehen und ausgebildet.

Ziel ist es, zum Beispiel als GenesungsbegleiterInnen oder als DozentInnen in Aus-, Fort- und Weiterbildung arbeiten zu können. In Bremen startet im Sommer bereits der fünfte Ausbildungskurs.

ist Gründer der Bremer Filmproduktion "Ciné-ci", die Filme von Menschen mit und ohne Psychiatrie-Erfahrung entwickelt. Foto: Ciné-ci

Dass man nicht nur formal, sondern auch gefühlt auf Augenhöhe arbeitet. Dass ich mich mit weisen Ratschlägen sehr zurückhalte und das Team auch mal seinem eigenen Chaos überlasse. Es war übrigens so, dass die Psychiatrie-Erfahrenen deutlich konstanter am Ball blieben als die anderen.

Wie lange dauerte das Projekt?

Zwei Jahre.

In dieser Zeit sind sehr verschiedene Geschichten entstanden: Von einer Freundschaft, die in der Krebs-Klinik entsteht, von Medikamenten, die Erektionen verhindern, von einer Ehe, die durch den Afghanistan-Einsatz des Mannes zusammenbricht, einer Frau, die mit einer Schaufensterpuppe in eheählicher Gemeinschaft lebt. Was ist Ihr roter Faden?

Das Wissen der Psychiatrie-Erfahrenen. Ihre Kompetenz in eigener Sache, aber auch ihre Kapazitäten, anderen im Umgang mit Krisen und Einschränkungen zu helfen.

In den Kurzfilmen gibt es sowohl das Modell "wundersame Wendung" wie auch die proaktive Aktion - wenn beispielsweise der Pseudo-Lebensgefährte, der "Puppenmeister", in der Wertstofftonne entsorgt wird. Sind das aus Ihrer Sicht gleichwertige Lösungsansätze?

Durchaus - zumindest spiegelt das die Erfahrungen der Betroffenen mit der Dynamik ihrer Krisen. Die Flucht in eine Scheinwelt wird notwendig, wenn der Schmerz in einer Lebenssituation zu stark wird. Das bedeutet nicht, dass man sich dort ewig aufhält. In vielen der Filmen bleibt ja offen, auf welcher Ebene des Leben der Protagonisten weitergehen wird.

Sind Traumwelten wirklich eine propagierbare Alternative?

Von außen betrachtet scheinen "Verrückte" für ihre Umgebung nicht mehr erreichbar zu sein. Psychiater sagen: Je weiter ihre Welt weg ist, desto tiefgehender ist der Konflikt, den der Betroffene erlebt. Aber die Frage ist doch auch: Welche Scheinwelt ist denn "besser"? Die des Mannes, der sich nur durch den Kauf eines dicken BMW gut fühlt, oder desjenigen, der im Hafenmuseum erwacht und von sich einer schönen Frau unerwartet zu einem festlichen Diner führen lässt?

Zwischen den einzelnen Episoden gibt es jede Menge Meer, Wellen und eine langhaarige Frau, die Yoga oder so etwas Ähnliches betreibt . Warum streuen Sie so viel Wellness ein?

Darüber haben wir lange diskutiert. Ich wollte nicht, dass das einen irgendwie esoterischen Anklang hat, aber es war uns schon wichtig, dass die Zuschauer zwischen den einzelnen Filmen Zeit haben, die Geschichten etwas sacken zu lassen. Wir haben dann versucht, durch die tänzerischen Bewegungen der Frau die Stimmung des folgenden Films anzudeuten.

Die Geschichte mit dem gestressten Journalisten, der in eine Traumwelt entflieht, sollte ursprünglich in der taz gedreht werden. War Ihnen bei uns die Atmosphäre nicht hektisch genug?

Nein, es lag an unserer eigenen Zeitplanung, dass das nicht geklappt hat. Wir hatten relativ wenige Drehtage und jeder zusätzliche Drehort bedeutet für uns weiteren logistischen Aufwand. Wir sind ja ein Lowlowlow-Projekt.

Was heißt das konkret?

Wir haben einen Produktionsetat von ungefähr 7.000 Euro. Nachdem wir uns vergeblich um verschiedene Förderungen bemüht hatten, haben wir beschlossen, nicht länger auf weitere Ablehnungen zu warten, sondern einfach einzufangen. Bei der Nordmedia beispielsweise wurden wir sehr kaltschnäuzig abgefertigt, da hieß es nur: So was könnt Ihr doch mit der Handkamera machen. Die haben sich mit dem, was wir wollen, überhaupt nicht auseinandergesetzt. Aber davon haben wir uns nicht abschrecken lassen.

"Tanz mit dem Einhorn" hat am Mittwoch um 20 Uhr im "Kino 46" in Bremen Premiere. Weitere Termine: am 16. 4. um 18 Uhr und am 18. 4. um 11 Uhr

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