Jona Rausch Begehren de luxe: Schnipo Punk oder von der radikalen Quatschigkeit
Ich könnte niemals mit einer Person zusammen sein, die nicht witzig ist, sage ich einer Freundin, als ich vor Makan sitze, dem Späti des Leipziger Ostens.
Das ist natürlich mit meiner existenziellen Angst verbunden, einfach kein humorvoller, sondern ein schrecklich ernsthafter Mensch zu sein.
Die Bahn fährt langsam an den ausgestreckten Beinen jener Menschen vorbei, die sich hier das ein oder andere alkoholische Getränk zum Erreichen eines verschwommenen, benebelten Bewusstseinszustandes in die Rübe kippen – mich inbegriffen. Ich bin dankbar für das Sterni-Bier in meiner Hand, denn ich habe mich den ganzen Tag mit dem sogenannten Ernst des Lebens auseinandergesetzt.
Wie schaffe ich Geld ran, mache ich jetzt doch eine Ausbildung, wieso ist die Wohnungslosigkeit gerade so sichtbar? Der übliche privatpersönliche und der große Weltschmerz eben. Wenn ich aus dem Klangteppich um mich herum Gesprächsfetzen auffange, merke ich, dass die Menschen zwischen interessanten Hobbys und kuratierter Selbstdarstellung switchen. Hier ein Hobby für die körperliche Gesundheit (Muay Thai), da eine Tätigkeit für die Selbstgerechtigkeit (Nachbarschaftsarbeit), dort ein Hobby, welches man zum Beruf machen will (Schreiben) – und plötzlich ist man schon drin, im Sich-zu-ernst-Nehmen.
Man will schön, talentiert, witzig, abgefuckt oder cool sein und plötzlich ist man irgendwie nur eine Blaupause und nichts davon wirklich. Die Kleidung, die man wählt, ist schlicht oder zu stark kuratiert und will zu viel. Und wenn man zu viel will, geht der Witz verloren.
Dieser Späti ist ein Ort, bei dem ich das Gefühl habe, er nimmt sich nicht ernst. Er ist ein Do-it-yourself-Ort an einer großen Kreuzung, vor dem jede Nacht Menschenmassen auf den Bordsteinen hocken. Wer hier eine Veranstaltung machen will, hat die komplette Entscheidungsgewalt, es werden einfach die Räume zur Verfügung gestellt und man kann sich alles einrichten, wie man es braucht.
An den großen Glasfenstern hängen Poster der Veranstaltungen, die hier bald stattfinden werden. Ich sehe darauf Bands mit den Genres Schnipo Punk, Psychadelic Art Hip-Hop, Gore Music, McFit Bootyshake Hits. Ich habe um Gotteswillen keine Ahnung, was Schnipo Punk sein soll, aber ich liebe es. Ich will ein Leben, dass Schnipo Punk ist.
Jona Rausch sucht in Leipzig ihren Platz
Es gibt eine bittersüße Ambivalenz in diesem Begehren nach Quatschigkeit. Wer Quatsch begehrt, ist den Quatsch nicht wert. Radikaler Quatsch kommt aus sich selbst heraus. Wenn er erwartbar wird, geht er zielgerichtet geradeaus, das macht ihn wieder ernst, weil er etwas aussagen, bedeuten will!
In meinem Nachdenken über Quatsch beobachte ich zwei Menschen, die auf den Bordsteinen Liegestütze machen, aus ihren Gläsern trinken und sich nach einer Liegestütze ein High Five geben. Als sie hinfallen, lachen sie, der Inhalt des einen Glases fließt fröhlich die Wurznerstraße hinunter.
Das ist es! Das ist der Schnipo McFit Booty Shake Quatsch. Sie scheitern. Und in diesem Scheitern gedeiht ein Witz, in dem die eigentlichen Möglichkeitsräume durchschimmern. Deshalb will ich mehr Dinge ausprobieren und scheitern. Zum Beispiel spaßige Texte verfassen, sozusagen Schnipo Punk McFit Booty Shake Literatur.
Ist das Resumé, dass man jetzt gar nichts mehr ernst nehmen sollte? Wenn es zur Maxime wird, will es wieder zu viel. Auch der Quatsch braucht einen Kontrastraum, in dem er gedeihen kann. Im Kuratierten entsteht der Bruch. Im Scheitern liegt die große Quatschigkeit.
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