Jörn Kabisch Der Wirt: Das Arschgeweih der Landgastronomie
Foto: Anja Weber
Frage an die Leser:in: Welcher Wandbehang ist typisch für einen bayrischen Landgasthof? Variante A: Kruzifix oder B: Hirschgeweih? Genau, beide Antworten sind richtig. Hier in der Wirtsstube hängt das Bocksgehörn hoch über der dunklen Holzvertäfelung an der Wand. Im Abstand von je einem Meter hängen eine ganze Reihe Rehgeweihe: Spießer, Gabler, Sechsender. Oft finden sich an den Hörnerpaaren auffällige Asymmetrien oder Missbildungen. Sicher hat es mal Zeiten gegeben, als solche Abnormitäten noch für Gesprächsstoff am Tisch sorgten. Heute ist es höchstens noch die Farbe der Geweihstangen. Dunkel wie sie sind, zeugen sie vor allem vom Tabakrauch, der einst im Gastraum hing.
Ein Kruzifix dagegen haben wir – Gott bewahre – nirgendwo, und es gibt bei uns auch nicht die Variante C, die ich bisher unterschlagen habe und die sich daran macht, das für das 21. Jahrhundert typische Designmerkmal der Landgastronomie zu werden. Es handelt sich um Wörter an der Wand, um Sätze, Sinnsprüche, die von den Mauern schreien, manchmal auch Signets oder Logos. Wandtattoo nennt man diese Art des Interior Designs. Ähnlich wie temporäre Tätowierungen werden sie mit einer Folie übertragen. Man wünschte sich, sie würden auf der Wand so schnell verblassen oder verwaschen wie das Einhorn auf dem Handrücken eines kleinen Mädchens. Tun sie aber nicht.
Warum macht man das? Vielleicht weil es Gastronom:innen ohnehin schwerfällt, nichts zum Lesen an die Wände zu hängen. In Restaurants und Hotels begegnet man ständig Hinweisen auf Augenhöhe: Schilder zur Toilette, zu den Notausgängen, zu den Zimmern, im Lokal die Tageskarte oder der Auszug aus dem Jugendschutzgesetz, der als Aushang zwingend ist, wenn man Alkohol ausschenkt. Da bietet es sich wohl an, immer noch mehr Hinweise an die Wand zu nageln.
Dabei ist das Wesen des Wandtattoos, nicht dem Menschen als Gast Orientierung zu bieten, sondern dem Gast als Menschen, und das für sein ganzes Leben. Manchmal kommt es mir dabei vor, als seien die Wände geschwätziger als die Leute.
Jörn Kabisch hat einen Gasthof in Franken gepachtet. Über seine Erfahrungen schreibt er alle vier Wochen an dieser Stelle.
Neulich erst, im bayerischen Oberland: Da begleiteten mich Lebensweisheiten durch die Hotelgänge, prangten über dem Kopfende des Hotelbettes, sogar neben dem Badezimmerspiegel gab es etwas Erbauliches zu lesen, alles Varianten des „Genieße den Augenblick“-Spruchs. Würde ich gerne, wenn man mich ließe. Ich habe auf noch keinem Kneipenklo der Welt jemals etwas auf die Wand geschmiert, aber glauben Sie mir: Nach 48 Stunden in diesem 3D-Poesiealbum war ich sehr versucht, mir einen Edding zu besorgen.
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