Jochen Schmidt über sein neues Buch: „Wir waren ja total materialistisch“

Der Schrifsteller Jochen Schmidt über seinen neuen Roman „Schneckenmühle“, eine Jugend am Ende der DDR, die Nachwendezeit in Berlin und Lesebühnen.

Nicht Schneckenmühle, aber fast: Pionierferienlager in Kasachstan Bild: okapisafari auf flickr / CC-Lizenz

taz: Herr Schmidt, sprechen wir gleich über Ihr neues Buch?

Jochen Schmidt: Bitte keine Fragen nach dem autobiografischen Gehalt oder warum ich das Buch geschrieben habe und was man sonst immer so gefragt wird.

Das hatte ich nicht vor. Aber ich würde gerne fragen, wie Sie es geschafft haben, dass die Sprache der 14-Jährigen so authentisch klingt in Ihrem Roman über das Ferienlager Schneckenmühle, in das auch Sie gefahren sind?

Das hat man für immer im Ohr, wie jede Sprache, die man mal gelernt hat. Dass es eine eigene Sprache war, habe ich aber erst gemerkt, als ich damit in Berlin fast zum Ausländer wurde.

War es schwierig, das aufzuschreiben?

Eigentlich unmöglich. Man hat ja immer anders berlinert – je nachdem, ob man unter sich war, mit Erwachsenen geredet hat oder sogar mit einem Mädchen. Meine Eltern sind Linguisten, die haben über das sogenannte Berlinische gearbeitet. Der Streit zwischen uns war immer, ob man „dit“ oder „det“ sagt – Auswärtige meinen sogar, man sagt „dette“. Nie im Leben hat man bei uns „det“ oder „dette“ gesagt. Das ist so ein Zille-Berlinerisch. Ich fand immer toll, dass ich schon als Sechsjähriger meinem Vater sagen konnte, wie man wirklich spricht, jedenfalls im Arbeiterbezirk Friedrichshain.

Gibt es denn nun einen Unterschied zwischen den Sprechweisen in Ost- und Westberlin?

In Ostberlin gab es ein Berlinerisch für Intellektuelle, das geht mir heute auf den Keks.

Geboren am 9. November 1970 wuchs Schmidt in Ostberlin auf. Er ist Schriftsteller, Übersetzer und Journalist, hat zahlreiche Erzählungen, ein Journal über seine Proust-Lektüre sowie zwei Romane geschrieben. „Schneckenmühle“ (C. H. Beck Verlag, 220 Seiten, 17,95 Euro), ist im Februar erschienen und erzählt von dem 14-jährigen Berliner Jens, der im Sommer 1989 zum letzten Mal ins sächsische Ferienlager Schneckenmühle fahren darf. Er spielt Tischtennis, Skat und Fußball, nur zum Tanzen ist er zu schüchtern.

Wie geht denn das?

Alexander Osang redet so. Ich finde, Berlinern eignet sich für emotionale Momente, es passt aber nicht zu intellektuellen Erörterungen. In Westberlin haben Intellektuelle angeblich eher Hochdeutsch gesprochen. Vielleicht war das im Osten eine Abgrenzung von der Partei.

Zurück zu den Erinnerungen: Sind Sie mal wieder nach Schneckenmühle gefahren?

Proust rät vom Besuch von Erinnerungsorten ab, das könne nur enttäuschen. Aber ich sehne mich schon sehr danach, das wiederzusehen.

Konnten Sie auf Tagebuchaufzeichnungen zurückgreifen?

Nein, ich war doch ein Junge. Ich habe mal versucht, mich zum Tagebuch zu zwingen, dann schrieb ich immer: „Heute schon zehn Zeilen geschrieben.“ Ich wusste einfach nicht, was ich schreiben soll. Die meisten Menschen ahnen auch als Erwachsene nicht, was an ihrem Leben interessant sein könnte, da muss man ihnen regelrecht die Augen öffnen.

Gibt es anderes, was Ihnen auf die Sprünge geholfen hat?

Meine erste Eintragung in einem alten Kalender, die ich entziffern kann, ist: „Wir haben einen neuen Fernseher bekommen.“ (lacht) Ich muss mich an Objekte halten.

Wie bitte?

Weil ich nichts wegschmeiße. Und da kommen immer wieder magische Dinge zum Vorschein. Dokumente. Fotos. Das ist alles wichtig. Man braucht Originale.

Wie konnten Sie sich an all die pubertären Sprüche erinnern, die im Buch auftauchen, zum Beispiel „Frigide sei mit dir“?

Wahrscheinlich bin ich noch in der Pubertät. Ich habe mich beim Aufschreiben sehr an der Unreife dieser Jugendlichen gefreut. Man konnte herrlich albern sein in der DDR. Wir waren einfach sehr unschuldig, auch in unserer politischen Ahnungslosigkeit. Das war sehr poetisch.

Ist Ihr Buch ein Ferienlager-Roman?

Das war schon meine Hauptmotivation: dass alle, die das nicht erlebt haben, neidisch werden und alle anderen noch mal hinreisen können.

Was fasziniert am Ferienlager?

Diese Wochen waren die intensivste Zeit. Das Ferienlager war eine der positiven Seiten der DDR-Volksbildung. Gerade weil sie hier versagt hat. Anders als die zentralen Pionierlager, wo es politischer zuging, gehörten die Ferienlager zu ihren Betrieben. Dort war es total unpolitisch. Fast noch unpolitischer als in meinem Buch. Selbst wenn es Orientierungsmärsche im Wald gab, hat man da überhaupt keinen militärischen Zusammenhang gesehen. Anders als manche heutige Jugendliche fanden wir ja Militär total langweilig.

Lag das nicht auch an dem speziellen Ferienlager, das Sie beschreiben?

Schneckenmühle war das Ferienlager der Akademie der Wissenschaften. Wobei die Hälfte der Kinder dort Kinder von Fahrern, Pförtnern und so weiter waren.

So wie Eike in Ihrem Buch, der ziemlich verwahrlost wirkt?

Nein, Eike ist ein Schriftstellerkind. Intellektuellenkinder und Funktionärskinder waren oft die am meisten verwahrlosten.

Woran lag das?

Vielleicht weil die Eltern zu beschäftigt waren. Akademiker waren auch damals schon überfordert und verdienten weniger als Handwerker. Außerdem hatten sie keine Beziehungen und mussten nach allen Sachen rennen – und dann die Sitzungen. Echte Parteisoldaten gaben ihre Babys in die Wochenkrippe, also Montagfrüh bis Freitagabend, weil sie auf Dienstreise mussten.

Für die Kinder in Ihrem Buch scheinen die Eltern kaum ein Thema zu sein, oder?

Wir haben uns als Kinder nicht dafür interessiert, was die Eltern der anderen gemacht haben.

Aber ist es nicht rückblickend interessant?

Rückblickend ist im Leben alles interessant. Zum Beispiel, warum man sich damals nicht dafür interessiert hat. Ich habe mich auch bei meinen Eltern nicht so sehr dafür interessiert, was sie gemacht haben, auch wenn das sehr in die Wohnung gewuchert ist in Gestalt von Zettelkästen und Bücherstapeln.

In Ihrem Buch gibt es ein Mädchen aus Sachsen, das als einziges zu den Berlinern ins Ferienlager muss. Gab es die wirklich?

Ja, das war so. Da war immer ein Kind von der sächsischen Akademie der Wissenschaften dabei. Und wir waren natürlich damals total rassistisch. Wir hatten auch einen mit einer Brille, der immer so viel Post von seinen Eltern bekommen hat, den nannten wir Professor. Das ist keine Idylle, wenn Kinder zusammen sind. Das tut mir leid im Nachhinein.

Ist die kleine Romanze im Buch zwischen Peggy und Jens eine Art Entschuldigung dafür?

Ich hätte nie den Charakter gehabt, mich mit einer Außenseiterin abzugeben. Aber für Jens ist es ein Einschnitt, wie fast alles in dem Buch. Im Grunde ist Peggy die Realität, das ist ja oft so mit Frauen.

Eine der lustigsten Stellen ist die Episode über den Polytechnischen Unterricht – als Ihr Held wie alle Schulkinder in die Produktion geschickt wird.

Jeder DDR-Schüler hat in einem Betrieb irgendetwas Seltsames hergestellt. Griffe von Wimpeln für Staatskarossen oder Balkonblumentopfhalter. Bei mir waren es Laichhöhlen für Aquarien im VEB Elektrokeramik Pankow, auf dessen Gelände gerade Baugruppenhäuser geplant werden. Die Schüler verloren in den Betrieben die letzten Illusionen über den Sozialismus, weil sie merkten, dass auch die Erwachsenen keine mehr hatten. Es war lästig, arbeiten zu müssen, aber toll, in der Kantine morgens um elf fettige Würstchen und Rührei zu essen wie die anderen Arbeiter.

Ihr Buch ist sehr jugendlich aufgemacht. Ist es denn ein Jugendroman?

Wenn Jugendliche Bücher lesen würden, könnten sie damit vielleicht etwas anfangen.

Hatten Sie Vorbilder?

Vielleicht einen Film. „Sieben Sommersprossen“, ein Jugendfilm über ein Ferienlager, der Ende der 70er gedreht wurde. Wegen der Nacktszenen hatte sich rumgesprochen, dass sich der Film lohnen könnte. Normalerweise hätte ich mir damals keinen Defa-Film freiwillig angesehen. Das habe ich alles erst nach der Wende schätzen gelernt. Was jetzt an Filmen über diese Zeit gedreht wird, hat keinen Erkenntniswert. Man muss die Originale sehen, wie bei Bildern. Mein Buch stellt da natürlich eine große Ausnahme dar. (lacht)

Lesen Sie Bücher über die DDR?

Eher die alte DDR-Literatur, wobei damals leider kaum jemand Tagebuch geführt hat. Die DDR-Künstler hatten oft einen klassischen Kunstanspruch, oder sie hätten Tagebücher nicht veröffentlichen können, weil der Alltag viel zu brisant war.

In der Kritik hieß es öfters, Ihr Roman sei weniger einer über das Ferienlager als über das Ende der DDR.

Oder dass ein bisschen mehr Blick auf die politischen Vorgänge dieser Zeit nicht geschadet hätte. Aber gerade darum geht es doch! Mein Held ist in einem Alter, wo er die Stagnation im Land noch nicht als bedrückend empfindet. Er denkt, er wird schon irgendwie mal nach Paris kommen. Irgendwie wird sich das schon regeln.

Es geht darum, dass auch in der DDR nicht alles Politik war?

Es geht darum, dass dieser DDR schon alle Messen gelesen waren. Was war das für ein Land, mit dem sich die Jugendlichen so gar nicht identifizierten? Wo man alles Eigene verachtet und alles aus dem Westen besser gefunden hat? Wir waren ja total materialistisch. Wie alle Naturvölker, denen man bunte Perlen anbietet.

Finden nicht auch heutige Jugendliche im eigenen Land alles blöd?

Die Jugendlichen heute konsumieren immerhin die Produkte ihrer eigenen Kultur. Und sie sind schon früh sehr karrierebewusst. Das gab es bei uns früher nicht. Das wirkliche Leben würde sich immer abseits eines mehr oder weniger lästigen Berufsalltags abspielen, das war klar.

Sie waren die Generation, die das Berlin der legendären Neunziger erlebt hat.

Nein, das habe ich verpasst. Ich war völlig überfordert von den Optionen und man hatte ja kein Geld. Ich habe mich da überall nicht reingetraut, in Kneipen oder Clubs. Das erste Mal vor einem Café in Kreuzberg dachte ich, die kennen sich alle. Weil das bei uns so war, wenn irgendwo viele zusammenhockten. Dabei musste man jetzt gar keinen mehr kennen, um reinzugehen, man musste nur was konsumieren. Aber es war auch Trotz im Spiel. In Ostberlin haben wir ja bis 1989 in der Nachkriegszeit gelebt. Ich habe das total geliebt.

Immerhin haben Sie Ende der Neunziger mit der „Chaussee der Enthusiasten“ eine der bis heute erfolgreichsten Lesebühnen der Stadt gegründet.

Und da haben wir dann davon erzählt, dass wir uns nicht zum Techno trauen, und damit offene Türen eingerannt. (lacht)

Wie hat sich die Lesebühne verändert?

Damals gab es so eine Lücke: Wir waren karrieremäßig eine Lost Generation, fühlten uns aber überhaupt nicht als Wendeverlierer, wir hatten ja einen ungeheuren Reichtum an Erfahrung durch unsere Biografie. Diese Dinge wurden nur damals nirgends erzählt. Irgendwann hatten wir dann im Schnitt 300 Zuschauer. Komischerweise hat das in den Zeitungen immer zu regelrecht hasserfüllten Kommentaren geführt, auch in der taz.

Und heute?

Heute schleppen verzweifelte Deutschlehrer aus Holland ihre Klassen auf Berlinbesuch zu uns, weil wir Werbung für Deutschland machen sollen, indem wir nicht so sind wie Deutschland. Und idealerweise gründet jeder Lesebühnenbesucher in seinem Heimatort eine eigene Lesebühne. Viele gründen aber auch eine Familie und haben dann keine Zeit mehr.

Und wie wird es weiter gehen?

Wir sind gerade erst ins Badehaus Szimpla gezogen, wunderbarerweise ein Ableger eines Budapester Clubs. Das ist dort eine sogenannte Ruinenbar, ein riesiger Komplex voller Schrott an den Wänden.

Hat die Lesebühne Ihre Karriere befördert?

So hätten wir nie gedacht. Wir wollten einfach sehen, ob wir das länger als vier Wochen durchhalten. Im sogenannten Literaturbetrieb war „Lesebühne“ eher ein Stigma für mich, man wird dann nicht mehr ernst genommen.

Wie würden Sie denn gern gesehen werden?

Ich erinnere mich an eine Signierstunde von Christoph Hein, vor 1989, da stand eine Schlange von 200 Metern vor dem „Internationalen Buch“ am Alex. Das lag daran, dass Schriftsteller mit die Einzigen waren in diesem Land, die frei waren. Jedenfalls dachte man das.

Was ist davon übrig geblieben?

Man steht ziemlich alleine da, wenn man durchsetzen will, was man für richtig hält. Andererseits muss man sich immer wieder erinnern, wie schön es ist, ein Buch zu machen. Man muss von seinen Büchern träumen.

Das heißt, Sie sind trotzdem gern Schriftsteller?

Ich wäre auch gerne alles andere. Aber es ist wohl einer der wenigen Berufe, die es einem ersparen, sich entscheiden zu müssen. Man kann jeden Tag etwas ganz anderes machen. Am schwersten ist das, wenn man Erfolg hatte. Davon bin ich bis jetzt zum Glück verschont geblieben. (lacht)

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