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Joachim Schulz Rock ’n’ Rollator

Foto: Illustration:

Theo hatte sich die Finger tief in die Ohren gestopft, aber Rudi, der Blödmann, schob Petris grinsend einen weiteren Zehner über die Theke, und der Wirt des Café Gum nickte und drehte die Lautstärke auf.

„Verräter!“, zischte Theo ihm zu und zog die Finger aus den Ohren. Petris hob unschuldig die Schultern. „Weißt du, Philos, wir Griechen sind arm und müssen nehmen, was wir kriegen“, sagte er: „Wir haben diese Urangst, dass plötzlich ein deutscher Finanzminister auftaucht und unsere Inseln an die Chinesen verkauft, bloß weil wir nicht flüssig sind.“

Theo seufzte. Er blickte hasserfüllt zu Rudi hinüber, der bei einem halblegalen Versender ein Bootleg der letzten Stones-Tournee in Europa gekauft hatte, das jetzt aus den Boxen des Café Gum dröhnte.

„Seit sechzig Jahren derselbe Dumpfstampf“, fauchte Theo. „Noch heute hört sich jeder Song wie ‚Satisfaction‘ an, und das war damals schon flach.“ – „Sei nicht so hart“, sagte Luis, „die Jungs haben auch gute Stücke gemacht, ‚You Can’t Always Get What You Want‘ zum Beispiel.“ – „Phh!“, machte Theo.

Es war unter seiner Würde, sich auf Differenzierungen einzulassen. „Was machst du denn!?“, herrschte er Raimund an, als er bemerkte, dass der im Takt mitwippte. „Ich? Äh … Nix“, stotterte Raimund und schüttete sein Bier vor Verlegenheit auf ex hinunter.

Rudi kriegte das alles nicht mit. Er schaute sich versunken Fotos auf seinem Smartphone an. Theo kuckte ihm über die Schulter. „O Gott“, keuchte er: „Oben auf der Bühne Greise an den Gitarren; unten im Publikum Greise, die Rollatorpogo tanzen und Blutdruckpillen einwerfen!“

Es waren Fotos, die Rudi beim Konzert auf der Waldbühne gemacht hatte. Die meisten Menschen im Publikum waren nicht sehr viel jünger als ihre Helden. Sie sahen aus wie ältliche Chefärztinnen oder verknitterte Rechtsanwälte, zappelten aber verschwitzt und halb entblößt herum wie mit siebzehn.

„Absolut würdelos!“, schnaubte Theo. „Wahrscheinlich haben sie bei der Zugabe sogar ihre Unterhosen auf die Bühne geworfen.“ Rudi focht das nicht an. „Ageist!“, knurrte er. – „Eitschist?“, sagte Theo. – „Ageism“, erklärte Luis: „Altersdiskriminierung.“ – Raimund kicherte. „Greisenrock ist hip“, sagte er: „Überall leeren sich die Altersheime, weil die Bands sich noch mal vereinen und die alten Fans die Konzerte stürmen. Und spätestens, wenn die ‚Doors‘ wieder auf Welttournee sind, wirst auch du dir heimlich eine Karte besorgen.“

„Quatsch“, schnappte Theo: „Außerdem ist Morrison mausetot. Das wird nix mehr mit Welttournee!“ – „Mit Avataren ist vieles möglich, denk an Abba“, sagte Luis: „Du wirst hingehen.“ – „Niemals!“, rief Theo bestimmt, doch Petris, der Mann, der nur todsichere Wetten einging, schob ihm die Zehner hin, die er von Rudi bekommen hatte, und sagte: „Drei zu eins, dass doch, Philos!“

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