piwik no script img

Japan ohne Regierung

■ Die Japaner mußten auf ihren neuen Premier gestern noch warten

Tokio (taz) – „Wir erleben einen historischen Tag“, verkündete Japans designierter neuer Premierminister Morihiro Hosokawa gestern früh, noch voller Vorfreude auf seine für den Nachmittag angesetzte Wahl zum Regierungschef. Doch ab dann ging es im japanischen Parlament weit weniger historisch zu als geplant. Als sich die Parteien gegen elf Uhr abends immer noch nicht über das Wahlprozedere der nächsten Tage geeinigt hatten, sahen schließlich alle ein, daß aus dem versprochenen Regierungswechsel gestern nichts mehr werden würde. Doch immerhin eines war geschafft: Nach 38 Jahren ununterbrochener Regierungszeit räumten Nippons Liberaldemokraten (LDP) bereits am Morgen ihre Quartiere. Geschlossen reichte das Kabinett von Premierminister Kiichi Miyazawa seinen Rücktritt ein. „Was für eine traurige Angelegenheit“, gestand hinterher ein ehemaliger Minister.

Die Trauer um die verlorene Macht muß die Liberaldemokraten auch zu ihrem Boykottverhalten im Parlament bewegt haben. Sie wollten partout nicht einsehen, weshalb sie als nach wie vor größte Partei nicht auch in Zukunft den Parlamentspräsidenten stellen könnten. Der verfügt immerhin über soviel Macht, daß er die oft verschlungenen Wege der parlamentarischen Beschlußfindung in Japan ziemlich gut kontrollieren kann – also will die künftige Regierungskoalition dieses Amt nicht der LDP überlassen. Als Kandidatin wurde die ehemalige sozialdemokratische Parteichefin Takako Doi nominiert. Letztendlich findet ihre Wahl im Plenum statt, weshalb die LDP an ihren ersten Tag in der Opposition gestern zwar die Party platzen ließ – aber doch auch nicht mehr.

Für heute ist also noch einmal Geschichte angesagt. Nur mit der Kabinettsbildung muß Hosokawa bis Montag warten, weil Kaiser Akihito, dessen Unterschriften er benötigt, in der Zwischenzeit wegen der Beerdigung des Königs Baudouin in Belgien weilt. Da jedoch mit der Ernennung von Sony- Chef Akio Morita zum Außenminister nicht mehr gerechnet wird, war die Spannung auch hier gesunken. Georg Blume

50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen