Jan-Paul Koopmann Speckgürtelpunks: Es wäre klug, alles zu löschen
Ob sie schon in Thailand war, wisse sie nicht, hat mal eine Studentin in meinem Seminar gesagt. War sie mit dem Kanu den Mekong runtergeschippert und konnte den Grenzverlauf im Sturm nicht genau ausmachen? Oder hatte sie sich im Dschungel verlaufen? Tatsächlich war die Geschichte dahinter viel weniger aufregend: Sie hatte mit Anfang 20 einfach schon so viele Länder bereist, dass sie nicht mehr sagen konnte, ob Thailand nun dabei war – oder halt nicht.
Dieses Gespräch fällt mir immer mal wieder ein, wenn es zum Beispiel um Privilegien geht oder darum, dass jemand etwas Wichtiges vergessen hat. Es liegt mir fern, das zu verurteilen. Es wundert mich nur. Und je länger ich darüber nachdenke, desto sympathischer wird mir diese Verstrahltheit, die um mich herum sonst eher selten vorkommt.
Gegenbeispiel: Beim Essen mit Freund:innen drehte sich das Gespräch neulich um Konzerte und Demos aus unserer gemeinsamen Vergangenheit. Und ich war ein bisschen verstimmt, weil ich als Einziger nicht imstande war, diese Ereignisse auch nur ungefähr zu datieren. Die anderen jonglierten traumwandlerisch mit Jahreszahlen und Details: Wer genau dabei war, ob’s geregnet hat, wie die Pommes waren …
Natürlich ist Erinnerung subjektiv und trügerisch. Man weiß ja in der Regel nicht, was man nicht mehr weiß, und erzählt eben die anderen Sachen. Und ob die sich nun wirklich genau so ereignet haben, ist noch mal eine ganz andere Frage.
Was aber kein Quatsch ist und mir zunehmend häufiger vor die Füße fällt: Wie viele dieser Dinge heute ganz nüchtern abrufbar sind. Meine Konzertbesuche der letzten 20 Jahre stehen lückenlos auf Last.fm. Auch die Playlist meines 30. Geburtstags könnte ich einsehen, wenn ich wollte, genauso wie meine Bücherkäufe im Jahr 2014.
Auch das besagte Gespräch beim Abendessen mündete irgendwann darin, dass drei Leute auf dem Handy in uralten Mails nachguckten, ob Andreas eigentlich auch bei diesem einen Konzert war. Er war es: Jana hat recherchiert, dass sie ihn unterwegs in Osnabrück vom Bahnhof abholen sollte. 2004 war das, an einem Samstag um 18.30 Uhr.
Ich durchsuche auch manchmal alte Mails, um irgendwas nachzuvollziehen. Und meistens geht es mir danach schlecht. Weil ich über dummes Zeug stolpere, das ich selbst geschrieben habe – oder über düster klingende Nebensätze von Menschen, die heute nicht mehr leben.
Und da emotional nie so ganz rauszukommen, ist vielleicht sogar noch schlimmer als die Big-Data-Überwachungskiste, die früher unsere dystopischen Albträume befeuert hat.
Jan-Paul Koopmann ist raus aus der Stadt und lebt jetzt im Bremer Hinterland
Noch eine alte Geschichte: Im Jahr 2000 waren wir in Hannover, um die Expo zu verhindern. Oder um wenigstens dabei zu stören, dass einer der Sponsoren „Deutschland“ damals erklärtermaßen „aus dem Schatten zweier Weltkriege hervortreten“ lassen wollte (und sich hartnäckig weigerte, Zwangsarbeiter:innen zu entschädigen).
Dass wir nicht sonderlich erfolgreich waren, hat die Zeit gezeigt. Aber immerhin gibt es kaum Daten darüber. Wer damals überhaupt schon ein Handy besaß, nahm in autonomer Gründlichkeit vor jedem Plenum den Akku raus. Fotos gibt es nur von einer lustigen Wasserschlacht im Protestcamp. Und selbst die hat – glaube ich – nie jemand digitalisiert.
Aber wie gesagt: Der Sicherheitsaspekt ist das eine; das andere ist das ewige Kleben an Erinnerungen, die nie wirklich verblassen dürfen, weil sie sich im Zweifel sekundenschnell mit harten Fakten auffrischen lassen.
Ich weiß, dass es klug wäre, alles zu löschen. Und ich weiß genauso sicher, dass ich es nicht tun werde.
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