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Irans Kriegsstrategie„Feuert nach Belieben“, wie schon der alte Chamenei empfahl

Nach der Tötung der iranischen Führung durch Israel und die USA sind die neuen Machthaber noch radikaler. Sie setzen auf Ausweitung des Krieges.

Stadtbild mit Raketen in Teheran am 22. März Foto: Majid-Asgaripour/Wana/reuters

Mit dem Frühlingsanfang feiert man in Iran den Beginn eines neuen Jahres, Nowruz. Das staatliche Fernsehen strahlt jedes Mal nach Jahresbeginn sofort eine Ansprache des Revolutionsführers aus. Das ist seit Bestehen der Islamischen Republik ein unverrückbares Ereignis. Vor der Revolution war es der Schah, der sofort auf dem Bildschirm erschien.

Doch am vergangenen Freitag um 15.45 Uhr, zu jener Sekunde, als die Sonne exakt senkrecht über dem Äquator stand, erschien nicht der Führer auf dem Teheraner Bildschirm, sondern ein Nachrichtensprecher. Er verlas eine Botschaft des neuen Führers, die ebenso lang wie langweilig war. Modschtaba Chamenei, das kann man also mit Sicherheit behaupten, ist nicht präsentabel.

Die verlesene Neujahrbotschaft war im Grunde ein Militär-Communique der Revolutionsgarden und enthielt zwei sehr wichtige Ankündigungen: Irans Angriffe gegen die Golfstaaten gehen weiter, weil sich dort die US-Militärbasen befinden. Und die vergangenen Attacken auf Oman und die Türkei waren Machwerke der „Zionisten“, die „Irans gute Beziehungen zu diesen Ländern beschädigen“ wollten.

Das ist zumindest eine Schutzbehauptung und zugleich ein klarer Hinweis darauf, wie und von wem in der Islamischen Republik dieser Krieg geführt wird.

Es gibt keinen „War Room“

Nach der gezielten Tötung von Ali Chamenei und von rund zwanzig Führungsoffizieren auf höchster Ebene stellt sich die Frage, ob momentan in Iran überhaupt so etwas wie eine Generalstabsführung existiert, ein „War Room“, in dem analysiert und entschieden wird. Die Antwort lautet: Nein. Erst recht nach der Tötung des Chefstrategen Ali Laridschani und des Geheimdienstministers Khatibzadeh. Die Machtverhältnisse haben sich verschoben, hin zu mehr Radikalität. Harte Betonköpfe besetzen nach der gezielten Enthauptung durch die USA und Israel die Schlüsselpositionen.

Auf Laridschani folgt im Nationalen Sicherheitsrat ein Hardliner der ersten Stunde, Hossein Dehghan. Er war 1983, vier Jahre nach der Revolution, offenbar an dem spektakulären Bombenanschlag auf die Kaserne des US-Marinekorps in Beirut beteiligt. Mit diesem Attentat, bei dem 241 US-Soldaten umkamen, meldeten sich die libanesische Hisbollah und die junge Islamische Republik gemeinsam auf der Weltbühne. Seitdem steht Dehghan auf der US-Sanktionsliste. Er war Leiter der militärischen Industrieproduktion und Berater von Ali Chamenei.

Und das Geheimdienstministerium soll von Mostafa Pour Mohammadi geführt werden. Der Mullah fungierte bereits als Richter und Vizeminister des Geheimdienstes, als 1988 in den Gefängnissen der Islamischen Republik binnen wenigen Wochen rund 6.000 politische Gefangene hingerichtet wurden.

Im militärischen Bereich folgt man einer Anweisung Ali Chameneis vom 7. Juni 2017: „Ich sage all diesen ideologischen, kulturellen und praktischen dschihadistischen Zellen im ganzen Land immer wieder: Macht jeder von euch einfach weiter mit seiner Arbeit; unabhängig und, wie man auf dem Schlachtfeld sagt: ‚Feuert nach Belieben‘.“ Das war keine Propaganda, sondern eine öffentlich ausgesprochene Strategie für asymmetrische Kriege, nach innen wie nach außen.

Eine zweischneidige Strategie

Nun feuert die Islamische Republik nach Belieben. Eine zweischneidige Strategie, die auch nach hinten losgehen kann, wenn jeder örtlicher Kommandant nach eigenem Gutdünken handeln sollte, etwa mit Raketenangriffen auf das Nato-Mitglied Türkei oder auf Oman, Zufluchtsort einiger Familien der Regimegrößen. Vor diesem Hintergrund lässt sich begreifen, warum man sich genötigt sah, dafür die „Zionisten“ zu bezichtigen.

Es kann auch manchmal peinlich, ja lächerlich wirken, so wie an diesem Sonntagmorgen. Um 7 Uhr früh ruft das iranische Fernsehen alle Bewohner von Katars Hauptstadt Doha auf, sofort die Stadt zu verlassen. Eine halbe Stunde später verliest ein Nachrichtensprecher folgendes: „Wir entschuldigen uns bei unseren geschätzten Zuschauern für die Veröffentlichung eines Beitrags über eine Evakuierungswarnung für Doha. Da es sich um inoffizielle Informationen handelte, die auf gut unterrichteten Quellen beruhten, wird dieser Bericht dementiert.“

Einstweilen sorgt das asymmetrische Vorgehen für weltweite Verunsicherung. Es verwandelt den Krieg in einen Zermürbungskrieg, wovor Außenminister Araghchi in einem Interview zwei Tage vor Kriegsbeginn gewarnt hatte. Er war selbst früher Gardist. Wie lange diese Mosaikstrategie der Revolutionsgarden funktionieren kann, bleibt abzuwarten.

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