Insolvenz: Havarie im "sicheren Hafen"

Nach dem Niedergang des Automobilzulieferers Elektron sind 110 Mitarbeiter arbeitslos. Die Gewerkschaft erhebt schwere Vorwürfe gegen die Firmenchefs aus Berlin

Punktschweißgeräte sind gewinnträchtig - aber nicht unbedingt in der Karibik Bild: elektron

Sie waren Weltmarktführer. Jedenfalls mit ihren Punktschweißgeräten für die Automobilbranche, die gut 15.000 Euro das Stück kosten. Heute ist die Bremer Firma Elektron insolvent. Zum Monatsende verlieren die letzten 45 von ehemals 110 MitarbeiterInnen ihren Job. Und der Betriebsrat hat Strafantrag gerade wegen Insolvenzverschleppung gegen die Geschäftsführung gestellt.

Seit 1942 schon bestand die Firma, und zunächst verdiente sie ihr Geld mit Schiffsbatterien. Vor zwei Jahren dann übernahm der Berliner Investor "Oktagon" das Ruder. Eine Industrieholding von der Sorte, die landläufig - so sagt Peter Stutz von der IG Metall - als "Heuschrecke" gelte. Oktagon selbst spricht lieber von einem "langfristigen Investitionshorizont", davon, dass man Unternehmen mit Nachfolgeproblemen "behutsam" und "nachhaltig" weiterentwickeln wolle. "Für Restrukturierungen bieten wir einen sicheren Hafen", heißt es auf der Homepage.

Seit vergangenen Sommer schon sei absehbar gewesen, "dass es kritisch wird", sagt Elektron-Betriebsrat Manfred Eichelberg. Der Umsatz brach um bis zu 40 Prozent ein - wegen der Automobilkrise. "Und spätestens im November war es dann so weit." Angemeldet wurde die Insolvenz aber erst Ende Februar. 400.000 Euro seien der Belegschaft dadurch verloren gegangen, sagt Eichelberg.

Elektron-Geschäftsführer Constantin Carsten von Oktagon will sich dazu selbst nicht äußern. Stattdessen lässt er durch einen Berliner Rechtsanwalt ausrichten, dass ein "namhafter Wirtschaftsprüfer" jedenfalls im November noch keinen Insolvenzgrund gesehen habe. Und überhaupt seien ja bis Februar noch "erfolgversprechende Gespräche" mit möglichen Investoren und der Hausbank geführt worden.

Parallel dazu, sagt Eichelberg, sagt auch die IG Metall, hat Oktagon "Kernwissen" des Unternehmens an eine Briefkastenfirma in der Karibik verschachert - Patente, Vorführgeräte, dazu eine Tochterfirma. Und womöglich, so wird vermutet, war Oktagon sogar selbst an jenem Investor von den Cayman Islands beteiligt. "Diese Vorwürfe sind aus der Luft gegriffen", sagt der Oktagon-Anwalt. Lediglich habe man "in Vorbereitung des geplanten Einstiges eines ausländischen Investors" das Unternehmen neu strukturiert - "vor allem aus steuerlichen Gründen". Im Zuge dessen, ja, wurden Marken und Vorführgeräte "als Sicherheit" übertragen. Dies habe aber zu "keinen Nachteilen" für Elektron geführt und sei vor Insolvenzeröffnung auch wieder rückgängig gemacht worden.

Seit längerem schon war Elektron, da sind sich alle einig, in Teilen defizitär. Da waren die Punktschweißgeräte, die Eichelberg eine "Cash-Kuh" nennt und die inzwischen an die Schweizer Firmengruppe Equinox gegangen sind. Da waren allerlei Handelswaren, "wo mit wenig Aufwand viel Geld verdient wurde", wie Eichelberg sagt. Da waren aber auch Ladegeräte, deren Produktion sich nicht rechnete. Seit längerem schon war von Sanierungsmaßnahmen die Rede, für deren Scheitern sich nun beide Seiten gegenseitig die Schuld zuweisen. Für diese Restrukturierung hat Oktagon allerlei externe Berater angeheuert. Sechsstellige Honorare sollen geflossen sein. "Es sind keine überhöhten Summen gezahlt worden", sagt der Unternehmensanwalt, vielmehr "unterdurchschnittliche Tagessätze, teilweise mit Erfolgskomponente".

Aber ohne Erfolg. Bereits vor drei Monaten ist die Hälfte der MitarbeiterInnen entlassen worden. Ihr Altersdurchschnitt liegt jenseits der 40, sagt Eichelberg, vielen waren seit 20 und mehr Jahren im Betrieb. "Die wenigsten haben einen neuen Job."

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