Industriekultur in Griechenland: Athen neu entdecken

Im Jahr 1857 entstand das Athener Gaswerk, nach dem das Viertel Gazi benannt ist. Heute ist das stillgelegte Werk ein Kulturzentrum.

Das Gazi-Viertel und das Gelände der ehemaligen Gasfabrik Athens

Das Gazi-Viertel und das Gelände der ehemaligen Gasfabrik Athens Foto: imago images

Martha Alifrangis kommt regelmäßig mit ihren Schulklassen in das ehemalige Gaswerk von Athen. Es gab dem umliegenden Viertel Gazi seinen Namen und versorgte die Metropole fast 130 Jahre lang mit Licht und Strom. In den neunziger Jahren erwarb die Stadt das zentral an der Straße nach Piräus gelegene Gelände und verwandelte es in ein riesiges Kulturzentrum. Auf 30.000 Quadratmetern können die Besucher seit acht Jahren das industrielle Erbe der Stadt auf Schritt und Tritt erleben, in einem interaktiven Museum Geräusche von früher hören, wie etwa das Kohleschaufeln oder die Glocke, die den Schichtwechsel einleitete, und Gerüche testen, die hier 100 Jahre herrschten.

Die größte Attraktion für Marthas Schüler ist an diesem heißen Junimorgen der Aussichtsturm, auf dem man einen herrlichen Panoramablick auf ganz Athen hat. Die Akropolis und der daneben gelegene Lykabettus scheinen zum Greifen nah. Unten sieht man eine riesige Freiluftbühne, die von drei riesigen Schloten umrahmt ist. Bei nächtlichen Veranstaltungen werden sie rot angestrahlt.

Das Gros der Touristen, das in der Regel nur ein bis zwei Tage in Athen verbringt, kommt freilich nicht nach Technopolis, wie das ehemalige Gaswerk heute etwas hochtrabend heißt. Im Volksmund heißt es weiterhin Gazi, doch Technopolis versteht sich als Kultur- und Ausstellungszentrum, seit 2014 mit „Innovathens“ auch als Kreativzentrum. „Für mich ist Gazi das beeindruckendste Beispiel für die gelungene Umwandlung und Bewahrung von Industriearchitektur und unbedingt einen Besuch wert“, so die Lehrerin. Ebenso wie die Kulturbrauerei in Berlin oder die Zeche Zollern gehört Gazi zur europäischen Route für Industriearchitektur.

Industrial Gas Museum: 100, Pireos Str., Gazi, an der Metrostation „Kerameikos“ www.gasmuseum.gr

Unterbringung: Hotel Wyndham Grand Athens an der Metrostation Metaxourgio. Von der Dachterasse (mit Pool) des Restaurants, in dem auch das Frühstück serviert wird, hat man einen herrlichen Blick auf die Akropolis und auf Gazi. Das Gaswerk ist auch fussläufig vom Hotel zu erreichen. Übernachtungspreise ab 105 € inklusive Frühstück

Dabei ist der Kulturtreff mitnichten auf Touristen angewiesen, längst hat sich das Areal als Treffpunkt für die Jugend, die in den letzten Jahren besonders unter der schweren Wirtschaftskrise litt, etabliert. Aristoteles Petridis (24), der heute in einem Labor Arbeit gefunden hat, ist dankbar, dass er in den schwierigen Jahren regelmäßig hier einen Rückzugsort fand. Die riesigen Gasbehälter – in einem ist heute ein Konzertsaal sowie ein Athener Radiosender untergebracht –, sind für ihn positiv behaftet. Aristoteles ist auch ein Fan des Jazzfestivals, das hier seit zwanzig Jahren stattfindet und Ende Mai stets die Konzertsaison einläutet.

Für die Bewohner von Athen ist Gazi zu einem der angesagtesten Viertel avanciert. Wo einst Armensiedlungen waren, in denen die Zuwanderer der Stadt eine notdürftige Bleibe fanden, sind in den letzten Jahren schicke Wohnungen entstanden. Die einst berüchtigten Bordelle sind verschwunden, jetzt beherbergt das Viertel edle Lofts, Galerien und Cafés.

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