Im russischen Sotschi

Im Tal der Technokraten

Olympia sollte internationales Flair nach Sotschi bringen. Doch russische Urlauber bleiben unter sich. Besserwisserei aus dem Westen ist nicht willkommen.

Eine Strandpromenade

Strandpromenade am Olympiapark Adler in Sotschi: Austragungsort des Confed-Cups 2017 Foto: imago/Marc Schüler

Der Hinweis auf den, der hier alles zu verantworten hat, lässt nach der Ankunft am Flughafen nicht lange auf sich warten. „Dass das Wetter heute so gut ist und die Sonne scheint, liegt wahrscheinlich nur daran, dass Putin in der Stadt ist“, scherzt Reiseführerin Galina gegenüber den ankommenden Journalisten.

Wirklich überraschend ist das nicht. In Russland gibt es keine Region, die derart umfassend nach den Wünschen des Präsidenten umgestaltet wurde wie Sotschi und seine Umgebung. Die Verwandlung von Stadt und Land in ein olympiataugliches Wintersportziel mit riesigen Sportarenen, breiten Verkehrstrassen und von Schneekanonen versorgten Skipisten ereignete sich als technokratischer Kraftakt in bester Sowjettradition: Kommandiert von ganz oben, rücksichtslos gegen Natur und zivile Widerstände, aber am Ende – Putin sei Dank – planmäßig und termingenau in Betrieb genommen. Warum soll einer, der das kann, nicht auch beim Wetter mitreden können?

Die forcierte Anpassung des Westkaukasus an die Imperative von Investoren und IOC gilt nach offizieller Diktion natürlich nicht als Gewaltakt, sondern als ersehnte Befreiung von Rückständigkeit und Abgeschiedenheit. „Die Straße durch das Tal hinauf nach Krasnaja Poljana war eng und gefährlich, häufig kam es zu Unfällen. Heute sorgen die neue Schnellstraße und eine Bahntrasse dafür, dass Urlauber vom Flughafen in Sotschi in die Bergregionen kaum länger als eine Stunde unterwegs sind“, erklärt Galina nicht ohne Stolz.

Rauher Charme des Kaukasus

Bei der Fahrt über die neue Straße wird der raue Charme des Kaukasus schnell spürbar. Während an Sotschis Uferpromenade Sonne und Palmen mediterranes Flair verbreiten, weht bereits 600 Meter höher in Krasnaja Poljana kühle Bergluft. „Die ersten Olympischen Winterspiele in den Subtropen“ lautete Russlands Slogan während der Bewerbungsphase. Doch während die Spiele auf globales Prestige und Besucher aus aller Welt zielten, finden sich heute an der Küste wie im Gebirge fast ausschließlich russische Gäste.

Kein Wunder: Angesichts luxuriöser Kureinrichtungen, eines milden Klimas und einer atemberaubenden Natur galt Sotschi schon zu Sowjetzeiten als geradezu elysischer Sehnsuchtsort, an dem Urlaub zu verbringen jeder Russe zumindest träumen durfte. Durch die Investitionen im Zuge der Olympischen Spiele sind die Aussichten auf die Verwirklichung dieses Traums heute größer denn je. Es gibt mehr Hotels, bessere Straßen, eine neue Eisenbahnverbindung, einen neuen Flughafen, mehr Flugverbindungen. Durch die neue Trasse und den Ausbau von Krasnaja Poljana sind auch die Ausflugs- und Wanderziele des Westkaukasus an der Grenze zu Abchasien heute deutlicher leichter zu erreichen als in der Vergangenheit.

A. Belokobylskiy, Hotelmanager

„Ökotourismus? Was meinenSie ­damit?“

Bergwanderer und Naturliebhaber finden hier außerhalb der Wintersportsaison vor allem im Frühjahr, wenn die Magnolien blühen, ideale Bedingungen abseits des Massentourismus. Dichte Laubwälder, die in der Umgebung von Krasnaja Poljana auf bis zu 1.800 Meter Höhe wachsen, lassen sich zu Fuß, mit dem Jeep oder auch per Pferd durchstreifen. Ambitionierte Bergwanderer, die noch höher hinauswollen, stoßen auf alpine Fels- und Gletscherlandschaften und eine immer noch artenreiche Tierwelt.

Stolz auf das Erreichte

Ein wuchtiger Betonexzess wie das ehemalige Olympiadorf Rosa Khutor erhebt jedoch gar nicht erst den Anspruch, sich in diese Umgebung einpassen zu wollen. Alexander Belokobylskiy, leitender Manager des touristischen Komplexes, ist bemüht, den ökologisch fragwürdigen Retortenort in einem engen Flusstal nahe Krasnaja Poljana als rundum gelungenes Projekt darzustellen: Die Auslastungszahlen der 16 großen Hotels seien bestens, das Preisniveau angemessen, die Touristen begeistert, erklärt der Manager seinen deutschen Gästen. Bei der Frage nach Eigentumsverhältnissen und Investitionskosten gerät das Gespräch allerdings rasch ins Stocken. „Wir sind froh, dass der Ort gebaut wurde, die Kosten sind nicht so wichtig“, versichert der Manager.

Ob man auch Ökotourismus für ausländische Gäste fördern wolle, will eine Journalistin wissen, doch auch diese Frage scheint unpassend. „Ökotourismus? Was meinen Sie damit?“, antwortet Belokobylskiy, der wirklich nicht zu wissen scheint, wovon hier die Rede sein könnte.

Visum: Russland lässt sich die Einreise einiges kosten. Ein Touristenvisum für eine maximal einmonatige Aufenthaltsdauer kostet 85 Euro.

Anreise: Sotschi hat einen neuen Flughafen, doch es gibt keine Direktflüge ab Deutschland. Anreise mit dem Flugzeug am günstigsten über Moskau mit z. B. Aeroflot. Die meisten ausländischen Urlauber besuchen Sotschi jedoch im Rahmen von Kreuzfahrten.

Unterkunft: Sotschi wie auch die in den Bergen gelegenen Urlaubsorte Krasnaja Poljana und Rosa Khutor verfügen über ein umfangreiches Angebot an Hotels in sämtlichen Kategorien.

Sommerurlaub: Die Badesaison an Sotschis Kiesstränden beginnt Anfang Juni und dauert bis Ende Oktober.

Schnell wird deutlich: Das Management möchte vielleicht Touristen aus dem Ausland, doch allzu detaillierte Nachfragen und besserwisserische Vorschläge von ausländischen, zumal westlichen Gästen möchte man eher nicht.

Was zählt und auch von ausländischen Gästen gewürdigt werden soll, ist der Stolz auf das Erreichte: Die über 40 Milliarden Euro teure Verwandlung einer einst intakten Bergregion in ein gigantisches Sport- und Freizeitareal, dessen Skilifte, Abfahrtspisten, Spielcasinos und Themenparks zumindest vom einkommensstarken Teil der eigenen Bevölkerung dankbar genutzt werden. Die emotionale Verletzung durch einen Westen, der dem Land die Anerkennung auf Augenhöhe vielfach verweigert, wird jedoch auch an diesem Ort sichtbar. Nach Dopingvorwürfen wurde der Region Ende des vergangenen Jahres die Austragung der Bob- und Skeleton-Weltmeisterschaft 2017 wieder entzogen. Urlauber, die sich auf rasante Bob-Abfahrten und Top-Athleten aus aller Welt gefreut hatten, mussten mit den CISM World Games vorlieb nehmen, einem von russischen Armeekräften dominiertem Militärsportturnier, dessen Relevanz mit der abhanden gekommenen WM kaum konkurrieren konnte.

Der letztes Wochenende beginnende Fifa-Confederations-Cup, in dessen Verlauf auch vier Gruppenspiele (davon mindestens zwei mit deutscher Beteiligung) im Olympiastadion von Sotschi ausgetragen werden, ist angesichts solcher Zurückweisungen immerhin ein Trostpflaster. Internationale Aufmerksamkeit ist der Region durch das Turnier gewiss, denn der Cup gilt als Generalprobe und Testlauf für die im kommenden Jahr in Russland stattfindende Fußball-WM.

Ökonomische Perspektiven

Doch längst nicht jeder Russe kommt wegen des Sports nach Sotschi. Mancher hat die neuen Möglichkeiten, die die Region inzwischen bietet, ergriffen und daraus einen persönlichen und beruflichen Erfolg für sich geschmiedet. Zu ihnen zählt Sam Daytan, der sich, nachdem es ihm in seinem Dorf in Sibirien zu langweilig geworden war, nach Sotschi aufgemacht hat, um dort einen Job zu finden. Heute arbeitet der Dreißigjährige als Manager im Sky Park AJ Hackett, einer nahe Krasnaja Poljana gelegenen Bungee-Sprunganlage, die sich entlang einer stählernen Brücke in schwindelnder Höhe über ein grünes Flusstal spannt. Die mit 439 Metern angeblich längste Fußgängerbrücke der Welt ist ein weiterer ästhetischer Großangriff auf die Schönheit des Westkaukasus, bedient jedoch die globale Nachfrage nach Adrenalin-Kicks und Angeber-Selfies.

Die Preise für die verschiedenen Sprungvarianten sind so atemberaubend wie der Blick in die Tiefe, doch Sam Daytan sieht seinen Arbeitgeber mit diesem Preisgefüge gut positioniert: „Die Russen sind doch reich, zumindest jene zwei Prozent, die zu uns kommen“, schreit der Manager inmitten lauter Heavy- Metal-Musik, die den nächsten Mutigen auf den Sprung in die Tiefe einstimmt, während seine Begleiter eilig ihre Smartphones in Stellung bringen.

Auch ohne dass viele ausländische Gäste kommen, sind die Hotels der Region nicht nur zu dieser Jahreszeit bestens gebucht. Wen kümmern angesichts solcher Perspektiven schon irgendwelche Boykottmaßnahmen und die ewigen Mäkeleien des Westens über Umweltzerstörung, Doping oder Korruption?

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