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Fantastisch verzettelt ist die Installationskunst von Anna Oppermann. Im Frankfurter sas­fee*­pa­vil­lon ist zu sehen, wie sich die 1993 verstorbene Künstlerin einen Begriff von den Dingen machte

Von Katharina J. Cichosch

Wer der üblichen Besuchslogik entgegentritt und vor dem Rundgang durch Anna Oppermanns Ausstellung erst einmal die Stufen hinab ins Untergeschoss steigt, findet hier vielleicht die passende Vorbereitung auf die Schau. Eine Absolution, erteilt von der Künstlerin selbst. Manche Aus­stel­lungs­be­su­che­r*in­nen dächten nämlich, sie müssten alles durchlesen oder würden frustriert ob der Fülle des Materials: „Das ist ja furchtbar!“ Im Grunde könne man sich einzelne Dinge herausnehmen, die einen besonders interessieren, sagt Anna Oppermann da in einem alten, nun wieder gezeigten TV-Beitrag.

Eine schwierige, aber anregende Übung ist ihr Auftrag, steht man zwischen ihren überbordenden Ensembles aus unzähligen Schriftbildern, Notizen, Zetteln, Fotografien, Collagen, Objekten, Zeichnungen und Zimmerpflanzen: Der saas­fee*­pa­vil­lon in Frankfurt am Main zeigt „Das Blaue vom Himmel“, eine Einzelausstellung von Anna Oppermann. (Der Sohn der Künstlerin, Alex Oppermann, ist ein Gründungsmitglied von saasfee – das spielt keine unmittelbare Rolle, aber man kann Hinweise auf die Mutter-Sohn-Beziehung in der Installation finden).

Ein gar nicht so ungewöhnlicher Ort ist der von einem Kollektiv betriebene Kunstraum für diese Hamburger Künstlerin mit engen Verbindungen nach Frankfurt. Insbesondere das großformatige „Das Blaue vom Himmel herunterlügen 1988–1990“, das sich über einen gesamten ins Grüne verglasten Ausstellungsraum mitsamt Einblick um die Ecke zieht, gewinnt hier gegenüber dem klassischen White Cube.

Gestaltung, Goethe oder Sprichworte um Wahrhaftigkeit – aus diesen groben Themensammlungen gestaltete Anna Oppermann höchst subjektive Assoziationsketten, die sie in Form zeitgenössischer Altare herrlichster (Selbst-)Referenzen präsentierte. Immer tiefer geht es mit der Künstlerin ins Rabbithole der Gedanken, die sich zunehmend in den physischen Raum fressen.

Aber ist so ein Aufbau künstlerisch legitim, wo Anna Oppermanns Arbeiten eigentlich nur durch sie selbst immer wieder neu aufgebaut und durch Ansichten der jeweiligen Vorgängerinstallation ergänzt werden konnten? Als Anna Oppermann 1993 viel zu früh im Alter von 53 Jahren starb, hinterließ sie keinen Wunsch, wie nach ihrem Tod mit ihrem Werk weiter umgegangen werden sollte, erklärt die Kuratorin Anna Schäffler.

Museen hatten ihre Arbeiten ausgestellt, aber nicht angekauft. Der Großteil der Ensembles befand sich zum Zeitpunkt ihres Todes im Besitz der Künstlerin. „Oppermanns Lebensgefährte Herbert Hossmann, der ihr ab Ende der 1970er Jahre bei nahezu allen Aufbauten assistierte, entwickelte gemeinsam mit einer Nachlassgruppe die sogenannte ‚installierende Neuinterpretation‘. Diese Praxis nahm Oppermanns offene Ensemblemethode zum Ausgangspunkt.“ Statt einer exakten Rekonstruktion werde jeder Aufbau an die jeweiligen räumlichen Gegebenheiten angepasst.

Bemerkenswert ist Anna Oppermanns heute ungewohnt kritischer Blick auf die Produktgestaltung, oder besser noch, auf den Heilungsanspruch, mit dem jene Disziplin für alle möglichen Felder der Gesellschaftspolitik in Anspruch genommen wird. Anna Oppermanns kleineres Ensemble „Antidesign“ scheint da gar etwas zu spotten und Einspruch gegen ein allzu lineares Designverständnis zu erheben. Auf Skizzen zum „Konzeptschel“ mit seinen Überlegungen, zu welcher Formfindung der weibliche Unterkörper so alles herangezogen werden könnte, kriegt ihre Kunst auch eine feministische Breitseite.

Oppermann schien es darum zu gehen, sich erst einmal einen Begriff von den Dingen zu machen, Hadern, das Für und Wider durchzuarbeiten, auch jenes der eigenen Gedanken. Paradoxien suchen und finden. Sich aber, und darin unterscheidet Oppermanns Kunst sich vehement vom passiven, apokalyptischen Doomscrolling dieser Tage, nicht im wörtlichen Sinne übermannen zu lassen. Es ist eine große Freude, der Künstlerin dabei zuschauen zu können, beim fantastischen Sich-Verzetteln.

„Anna Oppermann: Das Blaue vom Himmel“. saasfee*pavillon, Frankfurt am Main, bis 29. November

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