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■ Mit Chemiekatastrophen auf du und duIm Jahr 10 nach Sandoz

Basel (taz) – Am 1. November 1986 ereignete sich die bislang größte Chemiekatastrophe der Schweiz, der Brand einer Lagerhalle im Sandoz-Werk in Schweizerhalle. Löschwasser verseuchte den Rhein mit 150 Kilo Quecksilber und zehn Tonnen Insektenkiller. Der Fluß färbte sich blutrot.

Zehn Jahre später fand die Geschichte der „Aktion Selbstschutz“, jener nach dem Brand gegründeten Basisbewegung, ihr definitives Ende. Im Juni 1996 zogen die Verantwortlichen die Initiative zur „Entschärfung und Entgiftung der chemischen Industrie“ zurück. Schon 1993 hatten die in Sachen Chemiekritik besonders aktiven „Progressiven Organisationen Basels“ bekanntgegeben, sich mangels politischer Perspektive selbst aufzulösen.

Chemie wird am Rheinknie kaum mehr als Umweltproblem empfunden. Hingegen ist die Branche – durch die Fusion von Sandoz und Ciba-Geigy zum neuen Superkonzern Novartis in wahrer Monopolstellung – zum Symbol für bedrohte Arbeitsplätze geworden.

Das war 1986 anders gewesen, als wegen des Brandes zum ersten Mal seit dem Krieg in der Schweiz wieder die Sirenen heulten. Spontane Protestkundgebungen überschlugen sich, als die Fische mit dem Bauch nach oben schwammen, nichts sollte mehr so sein wie früher. Erstaunlich schnell, so wurde im Jahr nach der Katastrophe vermerkt, habe sich der Rhein wieder erholt. Viele verwiesen hämisch auf die angeblich haltlose Panikmache. Die Erholung ist allerdings nur einem Glücksfall zu verdanken: Im Jahr 1987 führte der Rhein so viel Wasser wie schon lange nicht mehr, und zudem schwemmte ein außergewöhnliches Hochwasser Wassertiere von flußaufwärts in die zuvor verseuchten Flußabschnitte und beschleunigte so die Wiederansiedlung.

Als direkte Reaktion auf „das Ereignis“, wie die Katastrophe von Sandoz-Verantwortlichen bis heute verbrämt wird, setzte der Bund am 1. April 1991 die Störfallverordnung in Kraft. Gewisse besonders gefährliche Produktionen hat die Baseler Chemie eingestellt oder schlicht ins Ausland verlagert.

Doch zur „anderen Chemie“, wie nach dem Brand lautstark gefordert, ist es nicht gekommen. Remo Gysin, ehemaliger Baseler Sanitätsdirektor, beurteilt die Chemikonzerne weiterhin kritisch: „Die kompromißlose Argumentation gegenüber den neuen Risiken der Gentechnologie läßt mich daran zweifeln, daß die Verantwortlichen ihre Haltung grundsätzlich geändert haben.“ Pieter Poldervaart

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