Gesellschaft: Im Aufmarschland
Das Dorf heißt Killer und der GasthofLamm. Hier soll eine Handvoll Geflüchteter unterkommen. Das provozierteinen Volkszorn, dem sich kaum jemandentgegenstellt. Beim Besuch vor Orttun sich Abgründe auf.
Von Susanne StiefelDie Frau mit der Schirmmütze sitzt auf ihremCampingstuhl an der Straße und winkt, wer auch immer vorbeikommt. Sie hat viel Zeit und erzählt, wie es zuging an jenem Dienstag vor fünf Wochen, als in Killer die Koordinaten verrutschten. „Komm mit“, hätten sie ihr zugerufen,„wir wollen das Flüchtlingsheim verhindern.“ Ihr macht das schon recht, habe sie den Menschen auf dem Weg zum Bürgertreff geantwortet. Irgendwann setzte sie sich in den Hinterhof, weil ihr die Hand lahm wurde vom vielen Winken.„Die Killermer können richtige Sauen sein, wennihnen was nicht passt“, sagt sie anerkennend.Über dem Haus gleich gegenüber weht eineReichsbürgerflagge.
Killer ist ein 600-Seelendorf auf der Schwäbischen Alb, eingemeindet in die KleinstadtBurladingen. Das Ortsschild fällt in schönerRegelmäßigkeit Souvenirjägern zum Opfer. Imalten Bahnhof untergebracht ist Deutschlandseinziges Peitschenmuseum. Seit dem Eklat umdie Unterbringung von Geflüchteten ist Killeraußerdem bekannt als der Ort in Baden-Württemberg, wo ein Landrat ebenso niedergeschrienund geschmäht wurde wie die wenigen Menschen, die sich schämten für ein Treffen, beidem neben Wut kein Platz für Argumente blieb.
Landrat Günther-Martin Pauli, 58, ist hartim Nehmen und als ehemaliger Schiedsrichterkampferprobt. Vor wenigen Wochen erst wurde er von 48 der 54 Kreisräte im Zollernalbkreisin die dritte Amtszeit gewählt. Die hätte etwasruhiger anfangen können, sagt Pauli. Andrerseits steckt er schon mal den „Finger in die Wassertemperatur“, um zu merken, hier kocht wasauf. Das hat er beim spontanen Besuch beimBürgertreff in Killer schnell gemerkt. Bei allem berufsbedingten Optimismus stellt er nachseinen Erlebnissen fest: „Da ist etwas gekippt.“
In seinem Balinger Büro steht der Baden-Württemberg-Wimpel, auf dem Tisch der Apfelsaft, und die Anwesenheit der Pressesprecherinsignalisiert: Die Lage ist ernst. „Jetzt hab ich‘sgrade verdrängt und jetzt kommen sie daher“, witzelt der CDU-Mann, „aber mal im Ernst: Vorfünf Wochen hätte ich gesagt, so was passiert imZollernalbkreis nicht.“ In Killer haben die Parteifreunde Pauli ebenso im Regen stehen lassenwie die Gemeinderäte aller demokratischenParteien. Heute lobt Michael Eisele, Fraktionsvorsitzender der CDU im Burladinger Gemeinderat, zwar den Landrat für dessen Mut. Als sich dieWut gegen Pauli entladen hat, ist er aber nichtaufgestanden. „Wir wollten die Situation nichtweiter eskalieren“, sagt er.
Der Gasthof Lamm am Ortseingang vonKiller serviert schon seit Jahren keine Mahlzeiten mehr. Der Eigentümer hat das Gebäude zur Zwischennutzung an ausländische Arbeiter vermietet, denen nun gekündigt wurde. Denn 30 bis 40 Geflüchtete sollen hier unterkommen. Zu viele für das Dorf, in dem es bereits eine Unterkunftgibt, wettern die Gegner:innen - die natürlich nichts gegen Ausländer haben und keine Nazissein wollen.
Geplant war vor fünf Wochen eine Infoveranstaltung zur Flüchtlingsunterbringung, die Gegner:innen bereiteten sich tags zuvor auf einemBürgertreffen vor. Der Landrat hatte davon Windbekommen, wollte vorbeischauen, wurde weggeschickt und am nächsten Tag ausgebuht. Ein geschickt bearbeitetes Video vom Aufstandder Wutbürger:innen kursiert im Netz, Faktenund Richtigstellungen des Landrats wurdenrausgeschnitten.
Die Politik reagiert: erst einmal abtauchen
Viele sind in den Wochen nach dem Eklat abgetaucht. Sommerferien, endlich mal wieder Ruhehaben. Der Ortsvorsteher genauso wie die Burladinger Gemeinderäte und viele Killermer. Den eigenen Namen will kaum einer in der Zeitunglesen. Ein Bild? Auf keinen Fall, sagt die Fraumit dem polnischen Akzent, die in der SchwüleUnkraut jätet, um den Rasen sauber zu halten.Ihr Haus liegt hinter dem Gasthof Lamm aufdem Weg zur Polensiedlung, wie die kleinenHäuser genannt werden, wo die Vertriebenennach dem Zweiten Weltkrieg untergekommensind. Klar war sie beim sogenannten Bürgertreff, klar war sie tags darauf bei der offiziellenInfoveranstaltung, „das können die da obendoch nicht mit uns machen“. Junge Männer hierreinsetzen, was da passiert, kann man ja immerwieder hören. Familien wären okay, sagt sie,aber die jungen Männer, die nur am Bolzplatzrumhängen …
Keine Scheu vor Kamera und Namensnennung hat Anja Händler. Die junge Frau wohntdirekt hinter dem geplanten Flüchtlingsheim, vor Kurzem hat ihr Mann am Haus eine Kamera installiert. Er arbeitet bei der Security und wisse,was in Flüchtlingsheimen so abgehe. Drübenim Gasthof Lamm packen die ausländischenArbeiter, die dort noch wohnen, ihre Koffer. Mit denen habe man sich gut verstanden, aber die jungen Männer, die jetzt kommen sollen, „diebrauchen wir hier nicht“. Die Mehrheit im Dorfweiß sie auf ihrer Seite, „schließlich müssen wiruns wehren“, sagt sie und streicht sich eine dergrünen Haarsträhnen aus dem Gesicht.
Ihre drei Kinder kommen um die Ecke geflitzt, um die habe sie Angst. Und: „Wir haben den Landrat gebeten zu gehen“, umschreibtsie den Rauswurf aus ihrer Sicht, „das war einTreffen der Killermer, der wollte uns doch nur ausspionieren.“ Ausspionieren? „Klar, aber wir wollten uns intern besprechen.“ Der Nachbar fährt vorbei, ruft durchs offene Fenster: „Schon gehört, jetzt sollen Flüchtlinge in Hausen am Tann einquartiert werden. Da schauen wir doch mal bei der Infoveranstaltung vorbei“, sagt er fröhlich. Doch es gibt an diesem Tag keine Veranstaltung mehr in Hausen, der Vermieter hat einen Rückzieher gemacht.
Burladingen ist besonders rechts
75 Jahre ist es her, dass sich die Väter und Mütter des Grundgesetzes zu ersten Gesprächen imChiemgau zusammensetzten. Der erste Artikel: Die Würde des Menschen ist unantastbar.Kein mündiger Wähler, sagte BundespräsidentFrank-Walter Steinmeier (SPD) jüngst, könnesich auf mildernde Umstände berufen, wenn ersehenden Auges politische Kräfte stärke, die zur Verrohung der Gesellschaft und zur Aushöhlungder freiheitlichen Demokratie beitrügen. „Wirmüssen die Verächter der Demokratie in ihre Schranken verweisen“, denn „Verfassungsfeinde kann und darf man nicht integrieren.“ Das müssten sie in Burladingen eigentlich wissen.
Die Kleinstadt ist einschlägig vorbelastet. Das Kino vor Ort war bereits Opfer rechtsradikaler Schmierereien, der vormals parteilose Ex-Bürgermeister Harry Ebert trat 2018 in dieAfD ein und pöbelte gegen seine demokratischgewählten Gemeinderäte („Landeier“), dieBesichtigung von Flüchtlingsheimen nannte er „Asylantenschau“. Razzien gegen die Reichsbürgerszene gab es auch hier, bei der letzten Landtagswahl war Burladingen mit über 18 Prozentnach Pforzheim der Ort mit dem höchsten AfD-Ergebnis. Die vielen Fahnen aus der extremrechten Szene, die über den Dächern von Killer wehen, sind für Gemeinderäte und Ortsvorsteher nicht zu übersehen. Warum schweigen sie?
Stattdessen feiert die neonazistische Kleinpartei „Der dritte Weg“ die Tumulte als Siegüber die „Asylkaschemme“: „Statt auf Jubelperser und Claqueure traf Pauli hier auf kritische Bürger, die sich nicht länger jede volksfeindlicheMaßnahme seitens der Systemparteien gefallenlassen wollen“, jubelten sie. Die AfD-Landtagsabgeordneten waren mit einem Stand inKiller, doch wo waren die als „Systemparteien“geschmähten demokratisch gewählten Parteien?Wo waren grüne, schwarze, gelbe und rote Abgeordnete? Warum bleibt der Gemeinderat stumm? „Darüber diskutieren wir nach derSommerpause“, sagt CDU-Stadtrat Eisele. „Dieanwesenden kommunalpolitischen Entscheidungsträger hätten eine sachliche Diskussioneinfordern müssen“, gibt er aus dem Urlaub zu Protokoll.
Die Brandmauer gegen die AfD hat schon der CDU-Bundesvorsitzende Friedrich Merzeingerissen. Dass ausgerechnet der grüne Fraktionschef im Burladinger Gemeinderat PeterThriemer („Einen vernünftigen AfD-Antrag abzulehnen, ist blanker Schwachsinn“) seinerParteivorsitzenden Ricarda Lang widersprach,als sie strikte Distanz zur AfD auch auf kommunaler Ebene forderte, und das wenige Tagenach dem Aufstand in Killer, lässt tief blicken. „Diese Aussage war unnötig wie ein Kropf“, sagtErwin Feucht, der seit 30 Jahren für die Grünen im Balinger Gemeinderat sitzt und sich engagiert im dortigen AK Asyl, „Killer darf sich nicht wiederholen.“
Leicht wird das nicht. „Wir bewegen uns imAufmarschland der Konservativen und Rechten“, warnt der grüne Burladinger Gemeinderat undSchauspieler Bernhard Hurm. Und der Sprecher der Alboffensive, die sich den Kampf gegenRechtsradikalismus zum Programm gemacht hat, weiß: „Die Zeiten werden härter, auch für uns.“
Schatten auf dem Paradies
Susanne Karch hat sich ein Haus im idyllischgelegenen Killer gebaut. Die gelernte Dolmetscherin hat in vielen Ländern gelebt, zuletzt inder Großstadt Berlin. In Killer hat sie sich mit ihrem Mann auf ein kleines Paradies zwischenHügeln und Wäldern gefreut. Die 57-Jährige istvon dem Hass und der Wut in ihrer neuen Heimat erschüttert. Ihre Großmutter wurde von denNazis verfolgt, sie selbst war „Ausländerin undGastarbeiterin“ in Schweden und Frankreich, „und jetzt bekomme ich so ein Wehret-den-Anfängen-Gefühl“, sagt sie. Kurz nach dem Tumultsei eine Familie durch den Ort gelaufen: Vater,Mutter, Kinder sammelten Unterschriften gegendie geplante Flüchtlingsunterkunft. Gekannthabe sie die Leute nicht, unterschrieben „natürlich auch nicht“. Aber auch nicht gefragt, wersie denn seien. Auf ihr Paradies ist ein Schatten gefallen. Und die Suche nach einer Unterkunftfür die Geflüchteten geht weiter.
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