piwik no script img

INTERVIEW„Es geht nicht um den Mann im Bett“

■ Die feministische Theoretikerin Prof. Christina Thürmer-Rohr sieht das in Berlin geplante Magnus-Hirschfeld-Institut für Geschlechter- und Sexualforschung vor allem als Instanz der Patriarchatskritik

taz: Was könnte ein Institut für Geschlechter- und Sexualforschung an der Humboldt- Universität leisten?

Christina Thürmer- Rohr: Das Institut müßte sich mehr um Geschlechterforschung als um Sexualforschung kümmern, um gesellschaftstheoretische Fragen, die mit dem zusammenhängen, was wir Patriarchat nennen. Das heißt, Geschichte der männlichen Herrschaft und des männlichen Prinzips, das in der westlichen Welt mit seiner weltweiten Macht eine so zerstörerische Form angenommen hat.

Doch dieses wird im Bewußtsein und in der wissenschaftlichen Arbeit überhaupt noch nicht reflektiert. Eine Patriarchatskritik, die nach meiner Auffassung der Gegenstand eines solchen Instituts sein müßte, meint mehr als das private und sexuelle Verhältnis zwischen Frau und Mann. Es geht nicht um den Mann im Bett, sondern um den Mann in den Chefetagen der Macht und um die großen Herrschaftsblöcke in der westlichen Welt, das, was wir mit Sexismus, Rassismus und Klassismus bezeichnen. Also um die Fundamente einer Herrschaftsentwicklung, die die Spaltung der Welt in eine kleine reiche und eine riesige ausgebeutete, gedemütigte und erniedrigte bewirkt haben. Den Zusammenhang zwischen der rassistischen, der sexistischen und der Klassenherrschaft zu analysieren bedeutet aber eine ganz große Anstrengung. Damit ist verbunden, daß wir unsere eigene Mitwirkung in diesem Herrschaftssystem reflektieren müssen.

Kennen Sie denn ein Institut, das ähnliches machen würde?

Ist mir nicht bekannt, aber ich habe auch keine weltweiten Kontakte. Ich glaube, es gibt allenfalls einzelne Ansätze. Der West-Feminismus krankt an einer zu kleinen Sicht auf die Probleme. Das hängt damit zusammen, daß wir unsere eigene begrenzte Sicht als Frauen in dieser Gesellschaft mitbringen. Ein zusätzliches Problem ist, daß es im Westen eine Arbeitsteilung gegeben hat zwischen Linken und Feministinnen: Die Linken waren zuständig für die Kapitalismuskritik und die Feministinnen für die Patriarchatskritik, die Ökologen waren zuständig für die Umweltkritik, die Dritte- Welt-Gruppen für die Kritik der internationalen Arbeitsteilung.

Es ist uns nicht gelungen, das zusammenzubringen: das, was wir Patriarchat nennen, als HERRschaftsform zu begreifen, als monokulturelle Entwicklung eines Geschlechtsinteresses. Seit der deutschen Wende ist das ganze Problem nochmal verschärft. Bei den gegenwärtigen rassistischen Anschlägen oder der Rücknahme der paar Errungenschaften von Frauen erleben wir eine Zunahme von Männlichkeit, Härte und Gewalt wie schon lange nicht mehr. Eigentlich ist das überhaupt nicht mehr zu übersehen, aber es wird nicht gesehen, es ist längst zur zweiten Natur geworden. Hier herangehen zu wollen mit den traditionellen Entwürfen von Sexualwissenschaft — tut mir leid, das kann ich nicht mehr begreifen.

Was Sie entwerfen, ist ein grandioses, aber auch ein wohl alle überforderndes Projekt.

Das ist das Problem. Wir Menschen mit unseren kleinen Köpfen und kleinen Herzen — wir können allenfalls eine Ahnung bekommen, was dieses Herrschaftssystem alles anrichtet. Dennoch sind wir verpflichtet, uns dieses Wissen zu erarbeiten. Aber ich fürchte, wir haben die Fähigkeit überhaupt nicht, das auch zu fühlen und entsprechend zu handeln. Wir sind im Grunde ganz regionale Wesen. Jeder Versuch, diese Grenzen in Kopf und Herz zu überwinden, die Verantwortung, auch Schuld zu übernehmen, läßt sofort zurückschrecken. Denn wie sollen wir dann hier mit all unseren Privilegien weiterleben?

Müssen wir dann nicht auch die Frage erforschen, warum wir regionalen Wesen keine Konsequenzen aus unserem Lebensstil zu ziehen in der Lage sind? Nach neueren Umfragen glauben rund 70 Prozent der Bundesbürger, daß die Welt ökologisch keine Chance habe. Das Bewußtsein ist also da, nur bleiben die Einsichten folgenlos.

Die Antwort darauf ist wahrscheinlich ganz platt: Das liegt an den Privilegien. Dennoch will ich das nicht einfach hinnehmen: Der achselzuckende Zynismus erweist uns sofort wieder als Mitmacher dieses Systems. Als Resignierte sind wir sehr nützlich, um diese ganze Lawine am Rollen zu halten.

50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen