■ III. Wahl: Kleine Stinker
Was läuft eigentlich in den Dritten Programmen zwischen 14 und 17 Uhr? Zum Beispiel:
„Hierzulande. (K)ostbarkeiten: Harzer Käse“, Mi., 15.45 Uhr, ORB
Zu einer Tageszeit, da im Sendegebiet des ORB ganz andere Dinge angesagt sind, wo der Brandenburger seinen vergnüglichsten Lastern frönt, Kaufhäuser des Ostens leerkauft, sein eigen Fleisch und Blut mißbraucht, Fremde anstänkert, DVU-Propaganda verteilt oder seine geschützten Alleen entzweifährt, gibt es auch Fernsehen. „Ostbarkeiten“, was immer das sein soll, stehen auf dem Plan, um ihn von der Straße zu holen. Was hätten wir denn da? Ah ja: was über Käse. Das Molkereiprodukt wird über Land nach wie vor in zwei wolkige Kategorien eingeteilt: mild oder kräftig. In größeren Gemeinden auch sehr verbreitet: mit Löchern oder mit ohne. Angesichts solcher Barbareien setzt der mutige kleine Sender voll auf Aufklärung. Da hilft der große Bruder von um die Ekke, der MDR, gerne aus.
Passend zur brandenburgischen Mentalität geht es um den kleinen Stinker, den Harzer Roller. Dazu hat sich ein MDR-Filmteam eigens in das anhaltinische Harsleben gewagt. Die Dame vom Schnitt hatte bestimmt hitzefrei, und der Sprecher ist um eine slangfreie Darbietung bemüht. Schön ruhig, damit der Brandenburger auch folgen kann, fast zum Mitschreiben. Schweizer Einwanderern sei die Invention dieser „mitteldeutschen“ Spezerey verdanken, erfährt der Brandenburger gerührt. In verschieden luftfeuchten Milieus reife sie heran. Sämtliche anderen Milieustudien um die Käserei herum belegen jedoch, daß man zu eigenständigen Gedanken eher nicht neigt. Ein Angestellter begrüßt höchstens frohgemut, daß wieder Zucht & Ordnung im Betrieb herrschten, nicht so wie zu Zonen-Zeiten. Gekauft würde der Harzer Roller logischerweise, „weil er aus dem Osten ist“. Gut, das genügt für heute. Unser Brandenburger Zuschauer, da sind wir uns aus Erfahrung sicher, geht jetzt wieder marodieren und kann übrigens auch prima ohne Harzer stänkern. Michael Rudolf
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