Hamburger, aber halal : Nicht alle lernen dasselbe Land kennen
Salam! Rund um den Jahreswechsel war ich bei meinem Verwandten in Gelsenkirchen zu Besuch – ja, kurz nachdem dort ein historischer Bankraub passiert war. Gelsenkirchen ist bekanntermaßen eine sehr arme Stadt. In der Innenstadt stehen viele Gebäude leer. In dem einen Gebäude stand die Tür offen und der Eingang wurde offenbar als Müllraum genutzt. Das nächste Gebäude war wieder leer, verwahrlost.
Ich möchte jetzt kein übertrieben schlechtes Bild zeichnen, aber aus Hamburg kommend war der Anblick für mich in den ersten Tagen doch gewöhnungsbedürftig. Ich versuche seit diesem Besuch in Worte zu fassen, was soziale Infrastrukturen und regelmäßige, gehobene Einkommen mit uns als Syrer*innen in Deutschland, ob Geflüchtete oder auch nicht, machen. Denn die Lebensumstände von Syrer*innen sind wirklich sehr unterschiedlich.
Viele Syrer*innen arbeiten in einfachen Jobs für den Mindestlohn und erhalten zusätzlich Unterstützung. Eine andere Gruppe arbeitet schwarz, weil sie die Sprache nicht sprechen, über kein Netzwerk verfügen und nicht wissen, wie sie sich auf dem deutschen Arbeitsmarkt integrieren sollen. Wieder andere arbeiten gar nicht mehr, weil sie für sich keine Perspektive in Deutschland sehen.
Die Ehefrau meines Bekannten erzählte mir, dass sie gerne nach Syrien zurückkehren würde. Hier in Deutschland gebe es kein gutes Leben. Ich versuchte ihr zu erklären, dass sie Deutschland noch nicht wirklich kennengelernt habe – denn Gelsenkirchen sei nicht gleich Deutschland.
Aber sie sprach von ihrem Deutschland. Das Deutschland, das sie kenne, das sie erlebt habe – es habe ihr nur Krankheit gebracht. Im vergangenen Jahr hatte sie drei Operationen. Sie sieht darin die Folgen ihres Lebens hier. Dabei sieht sie keine Alternativen und ihre Stimmung wird von Jahr zu Jahr schlechter. Erstens, weil sie enttäuscht ist von dem Deutschland, an das sie geglaubt hatte. Zweitens, weil sie nur die schlechten Seiten dieses Landes kennengelernt habe. Und drittens, weil sie nicht das Deutschland sehe, das viele kennen – das Deutschland, das man oft nur kennenlernt, wenn man genug verdient, um es sich leisten zu können.
Während ich ihr zuhörte, fragte ich mich: Was wäre aus mir geworden, wenn ich in Gelsenkirchen gelebt hätte? Oder was, wenn ich dorthin gezogen wäre? Was hätte ich gearbeitet? Welchen Beruf hätte ich überhaupt ausüben können? Sicherlich wäre ich kein Journalist geworden.
Die Stadt, in der wir leben, hat einen enormen Einfluss auf unsere Arbeit, unser Leben, unsere Identität – und unsere Zukunft. Sie bestimmt die Chancen, die wir bekommen.
Umstände beeinflussen Möglichkeiten
Ein erstes Gegenargument lautet oft: „Aber jeder kann doch in eine andere Stadt umziehen.“ Das ist jedoch falsch. Umziehen kann nur, wer einen guten Job hat, keine Familie oder Kinder, genug Geld und oft auch das richtige Netzwerk. All das sind Umstände, die die Möglichkeiten beeinflussen.
Seit zwei Jahren suche ich eine bezahlbare, größere Wohnung für meine Schwester, die nach Hamburg ziehen möchte. Ich finde keine. Und das, obwohl ich ein großes Netzwerk habe. Es gibt tausend weitere Gründe, warum Umziehen für viele Geflüchtete unmöglich ist. Entscheidungen, die wir treffen müssen, passen oft nicht zu unserem Leben.
Für manche scheint die Rückkehr nach Syrien die einzige Lösung zu sein. Doch viele haben Angst vor dieser Entscheidung. In Syrien gibt es noch immer keine Perspektive. Und die Frage bleibt: Was erwartet Syrer*innen, die jahrelang in Deutschland gelebt haben und jetzt zurückgehen wollen? Wird von ihnen erwartet, genügend Geld zu haben, um eine Wohnung zu kaufen und ein kleines Unternehmen zu gründen, von dem sie leben können? Wer dieses Geld hat, kehrt oft nicht zurück – sie haben ihr Leben längst in Deutschland aufgebaut.
Am Ende bleibt diese bittere Wahrheit bestehen: Nicht alle lernen dasselbe Deutschland kennen. Manche erleben das Deutschland der Chancen. Andere wiederum, wie meine Bekannten in Gelsenkirchen, erleben nur das Deutschland der Erschöpfung.
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