Humanitäre Lage in Gaza: Erst der Hunger, dann die Infekte

Hilfsorganisationen schlagen Alarm. In Teilen Gazas sei jedes sechste Kind unterernährt. Bei der Essensverteilung komme es zu chaotischen Szenen.

Mehrere Menschen stehen für Lebensmittel an

Schlange stehen in Dair al-Balah: Im Gazastreifen sind 100 Prozent der Zivilbevölkerung von Ernährungsunsicherheit betroffen Foto: Omar Ashtawy/apa images/imago

BERLIN taz | Die Warnungen lassen sich kaum noch steigern: Angesichts einer Hungerkatastrophe im Gazastreifen schlagen Hilfsorganisationen weltweit Alarm. Sogar von einer „Überholspur zur Hungersnot“ spricht Jeremy Konyndyk von Refugees International. Während Hungerkrisen in vielen Teilen der Welt herrschen, kommt es äußerst selten zur Hungersnot. Auch in Gaza ist es noch nicht so weit, doch seien 100 Prozent der Zivilbevölkerung von Ernährungsunsicherheit betroffen, „ein Zustand, den es noch nirgends sonst auf der Welt gab“, warnen acht Hilfsorganisationen, darunter Care und Oxfam.

In einer gemeinsamen Erklärung fordern sie Deutschland auf, sich für einen „sofortigen und dauerhaften Waffenstillstand einsetzen“, um ungehinderten Zugang für Hilfsorganisationen zu ermöglichen. Von der Hamas fordern sie die Freilassung aller Geiseln.

Besonders besorgniserregend ist die Lage in Nordgaza, wie eine am Montag veröffentliche Studie des Global Nutrition Cluster zeigt, einem Zusammenschluss von mehr als dreißig Hilfsorganisationen, darunter Unicef und das UN-Welternährungsprogramm (WFP). Dort sei eines von sechs Kindern unter zwei Jahren akut unterernährt. Geschätzt drei Prozent hätten so stark an Gewicht verloren, dass sie sofort behandelt werden müssten.

Ein Problem, das sich Hilfs­teams in Gaza stellt: Je schlimmer die Lage, desto schwieriger wird es, Güter zu verteilen. Von „Crowd-Dynamiken“ spricht Sebastian Jünemann von der Berliner Organisation Cadus, der selbst bis Freitag in Gaza war. „Wenn es Lebensmittel gibt, versuchen die Leute sofort, gewaltsam an die Lieferungen zu kommen.“ Dann komme es zu einer Eskalationsspirale: „Alle versuchen, die Ersten zu sein, und weil sie wissen, dass die Lkw wieder abfahren, wenn die Situation zu krass wird, versuchen sie erst recht, die Ersten zu sein.“

Lieferungen für Nordgaza eingestellt

Wegen solcher Zustände hat das Welternährungsprogramm seine Hilfe für Nordgaza vorerst komplett eingestellt. „Als sich das WFP am Sonntag auf den Weg nach Gaza-Stadt machte, wurde der Konvoi von einer Menge hungriger Menschen umringt“, hieß es am Dienstag. „Zunächst mussten wir mehrere Versuche von Menschen abwehren, die versuchten, auf unsere Lkw zu klettern, dann wurden wir mit Schüssen konfrontiert. Unser Team konnte einige wenige Lebensmittel auf dem Weg verteilen.“ Am nächsten Tag sei es erneut zu „völligem Chaos“ gekommen: „Mehrere Lkw wurden geplündert, ein Fahrer wurde verprügelt. Das verbliebene Mehl wurde in Gaza-Stadt unter hoher Anspannung spontan von den Lkw herab verteilt.“

Zuvor hatte Israel der UNO vorgeworfen, für die ausbleibende oder schleppende Hilfe verantwortlich zu sein. Eine Behörde, die dem Verteidigungsministerium untersteht, veröffentlichte ein Bild, das den Angaben nach Hilfsgüter an der Grenze zum Gazastreifen zeigte. „Dies ist der Inhalt von 500 Lkw mit Hilfsgütern nach der israelischen Inspektion, die darauf warten, abgeholt und von UN-Organisationen verteilt zu werden“, hieß es. „Es ist der dritte Tag infolge, dass Hunderte Lastwagen nicht abgeholt werden.“

Mit der Hungerkrise in Gaza kommen die Krankheiten. „Die Leute sind schlecht ernährt, das Immunsystem ist angegriffen, und weil sie so eng zusammengedrängt sind, verbreiten sich Atemwegserkrankungen“, erklärt Jünemann, der in Rafah ganz im Süden im Einsatz war. In der Studie des Global Nutrition Cluster heißt es: „Mindestens 90 Prozent der Kinder unter fünf Jahren sind von einer oder mehreren Infektionskrankheiten betroffen und 70 Prozent hatten in den letzten zwei Wochen Durchfall“ – solche Zahlen, sagt Konyndyk von Refugees International, habe er noch nie gesehen.

Besonders in Rafah, wo mehr als eine Million Menschen zusammengedrängt sein sollen, sei die Dichte enorm, sagt Jünemann. „Ganz Rafah ist eine Geflüchtetenunterkunft. Teilweise leben 17, 18 Leute in einem Zelt.“ Eine Evakuierung und Unterbringung der Menschen in hygienischer Umgebung zeichnet sich nicht ab, auch wenn Israel einem Bericht zufolge Ägypten vorgeschlagen hat, 15 Zeltstädte rund um Rafah zu errichten. Die USA forderten ein Schutzkonzept für die Zivilist*innen. Konyndyk warnt jedoch, dass diese Diskussion nichts als „Fantasie“ sei. „Ein sicherer Evakuierungsplan ist unmöglich.“ Den Vorschlag, Zeltstädte zu errichten, einen Plan zu nennen, sei schlicht lächerlich.

In Zusammenhang mit ihrem Appell für einen Waffenstillstand fordern Care, Oxfam und andere Organisationen auch, das in die Kritik geratene UN-Hilfswerk UNRWA weiter zu finanzieren. „Mit der Aussetzung eines Großteils der Finanzierung droht eine Lebensader für die Bevölkerung wegzubrechen. Keine andere Hilfsorganisation kann die Rolle von ­UNRWA in der humanitären Hilfe und Sicherung der Grundversorgung ersetzen.“

Kritik übten Hilfsorganisationen am Mittwoch auch an den USA, die ein Veto im UN-Sicherheitsrat einlegten gegen eine Resolution, die eine sofortige Waffenruhe forderte. In dem Text wurde verlangt, dass alle Parteien die Zivilbevölkerung schützen, Geiseln freigelassen werden und Hilfe geliefert wird. Das Hamas-Massaker vom 7. Oktober wurde nicht verurteilt. Nun wird über einen US-Entwurf verhandelt, der eine vorübergehende Feuerpause „so bald wie möglich“ verlangt.

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