Homophobie: Lesben mit Farbe attackiert

In Hellersdorf ist ein lesbisches Paar von zwei Männern angegriffen worden. Kein Einzelfall, sagen Polizei und Schwulenberatung. Gewalt gegen Homosexuelle sei in Berlin an der Tagesordnung

In Hellersdorf wurde ein lesbisches Paar von homophoben Männern angepöbelt, geschlagen und mit Farbe besprüht. Der brutale Angriff löste allerseits Entsetzen aus. Doch Gewalt gegen Homosexuelle gehört in Berlin weiter zur Tagesordnung, sagt die Polizei - trotz des schwulen Bürgermeisters und einer offensiven Gleichstellungspolitik. Auch in manchen Migrantenkreisen ist die Akzeptanz von gleichgeschlechtlichen Lebensweisen weiterhin nicht gegeben. Der Runde Tisch gegen Homophobie, der sich jetzt gründete, soll dies ändern.

Angepöbelt, mit roter Farbe besprüht, getreten und geschlagen- so endete für ein lesbisches Paar am Dienstag auf dem U-Bahnhof Kaulsdorf-Nord die Abendunternehmung. Selbst als eine der Frauen schon auf dem Boden lag, wurde sie weiter mit Fußtritten trackiert. Die Täter entkamen unerkannt. Die Polizei schließt ein homophobes Motiv nicht aus, der Staatsschutz beim Landeskriminalamt (LKA) hat die Ermittlungen übernommen.

Gewalt gegen Homosexuelle gehöre in Berlin zur Tagesordnung, sagt Bastian Fink, Projektleiter des schwulen Überfalltelefons Maneo. Berlin sei zwar eine weltoffene Stadt mit schwulem Bürgermeister. Formal sei durch die Gleichstellungspolitik für die Schwulen und Lesben alles bestens - "aber die Politik ist auf der Straße nicht angekommen".

Die 21-jährige Köchin Angelika A. und die 19-jährige angehende Erzieherin Gabriele F. (beide Namen geändert) sind seit drei Jahren ein Paar. Die Frauen wohnen in Hellersdorf. Noch nie hätten sie dort wegen wegen ihrer sexuellen Orientierung Probleme gehabt, sagt Angelika K. der taz. Anders am Dienstag. Gegen 22.45 Uhr, als sie am U-Bahnhof Kaulsdorf Nord eine Fußgängerbrücke passierten, schallte es hinter ihnen "Schwuchel". Zwei Männer mit "Basecaps und Schlabberlook" hätten sich genähert, erzählt Angelika K. "Ich bin weiblich", habe sie sich gegen die Betitelung verwahrt. Als die Männer bedrohlich nahe kamen, habe ihre Freundin eine mit Salat gefüllte Takeaway-Schüssel in deren Richtung geworfen. Da habe einer der Täter eine Spraydose aus der Tasche gezogen und der Freundin rote Farbe ins Gesicht gesprüht. Angeklika K. sagt, sie habe den Angreifer wegzuschupsen versucht. "Daraufhin hat er auf mich eingeschlagen." Durch einen Faustschlag sei sie zu Boden gegangen, doch sie sei weiter geschlagen und getreten worden. Dass sie und ihre Freundin zur Zielschiebe wurden, kann sich die Köchin nur so erklären: "Es muss an meinen kurzen Haaren gelegen haben." Sie hätten weder Händchen gehalten noch geknuscht.

Nicht nur Maneo auch die Polzei geht von einem riesigen Dunkelfeld aus, was Straftaten gegen Schwule und Lesben betrifft. 90 Prozent der Taten würden von den Opfern nicht angezeigt, so die Schätzung. Seriöse Zahlen gibt es nicht. In der polizeilichen Kriminalstatistik wird dafür keine eigne Rubrik geführt. Uwe Löhr, Leiter der LKA Dienststelle für gleichgeschlechtliche Lebensweisen, begründet das mit der Angst der Schwulenverbände "vor rosa Listen". Löhr spricht von Hass- oder Vorurteilskriminalität.

"Jeder Fall, der bekannt wird, verunsichert eine ganze Bevölkerungsgruppe". Die hohe Dunkelziffer von Gewalttaten führe dazu, dass sich Schwule zunehmend aus der Öffentlichkeit in Nischen zurückzogen, sagt Maneo Projektleiter Finke. "Man richtet sich in Paralelllwelten ein, um der Gewalt aus dem Weg zu gehen".

Die meisten Straftaten geschähen in den Innenstadtbezirken wie Schöneberg und Teile von Kreuzberg, wo sich Schwule offen zeigen, so Löhrs Kollegin, Marie Tischbier. Lesben würden eher Opfer verbaler Gewalt, während schwule Männer oft auch körperlich attackiert würden. In den östlichen Außenbezirken oder Neukölln trauten sich die meisten gar nicht, auf der Straße ihre Homosexualität zu zeigen. "Was sich am U-Bahnhof Kaulsdorf abgespielt war schon heftig", so Tischbier.

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